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Studie der ÖÄK: Hilfe, wir brennen aus!

Studie der ÖÄK: Hilfe, wir brennen aus!

Im Visier: Burnout bei Ärztinnen und Ärzten

Im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) führte die Universitätsklinik für Psychiatrie der MedUni Graz zwischen November 2010 und Februar 2011 erstmalig eine repräsentative Studie zum Thema Burnout unter Ärztinnen und Ärzten durch. Mit alarmierenden Ergebnissen: Über fünfzig Prozent der befragten MedizinerInnen befinden sich in einer von drei Belastungsphasen, in Wien sind es noch um fünfzehn Prozent mehr.

MedizinerInnen stärker betroffen. An der online durchgeführten Studie nahmen 6249 Ärztinnen und Ärzte bundesweit, 1231 davon  in Wien, gleichmäßig verteilt nach Geschlecht und Arbeitsstatus teil. Die Einstufung erfolgte nach dem international üblichen Drei-Phasen-Modell der Arge-Burnout. Dem Ergebnis nach zu schließen, "sind Ärztinnen und Ärzte überdurchschnittlich gefährdet.", so der Experte und Studienautor Peter Hofmann. In vergleichbaren Hochleistungsberufen, wie Richter, Wirtschaftstreibende und Wirtschaftstreuhänder liege die Zahl der belasteten Personen mit rund vierzig Prozent deutlich niedriger. Warum das so ist, bringt Thomas Szekeres, Vizepräsident der ÄK-Wien, auf den Punkt: "Burnout ist ein Problem der übertechnisierten, überbürokratisierten und überkommunizierten Gesellschaft, in der Entfremdung und Leistungsdruck immer größer werden. Ärztinnen und Ärzte tragen darüber hinaus täglich höchste Verantwortung, arbeiten im Schnitt mehr als der Rest der Bevölkerung und das oft in unregelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmen."

>>ÄrztInnen tragen täglich höchste Verantwortung unter verschärften
Arbeitsbedingungen.<<

Junge SpitalsärztInnen gefährdet. Dem zufolge zeigt auch die Studie, dass jüngere KollegInnen im Spitalsdienst am stärksten betroffen sind. Im niedergelassenen Bereich sind es vor allem die Kassenärztinnen und -ärzte, die offenbar durch ihre höhere Patientenfrequenz unter stärkerem Druck stehen. Die Burnout-Rate sinkt allgemein zwar mit steigendem Alter, allerdings finden sich über fünfzehn Prozent der 48- bis 54jährigen in der dritten Belastungsphase, die einer Depression gleichkommt. Hier wirkt sich auch deutlich die steigende Verantwortung in leitenden Positionen mit vermehrten Managementaufgaben aus. Zwar sind Männer wie Frauen gleichermaßen gefährdet, in der höchsten Belastungsstufe finden sich aber mit über fünfzehn zu elf Prozent deutlich mehr männliche Kollegen wieder. Besonders in technischen Fächern steigen die Fallzahlen, sie belasten mehr als konservative Fächer, am resistentesten scheinen laut Studie offenbar die Chirurgen. "Wer täglich beispielsweise 200 Lungenröntgenbilder anschaut, hat extremen Druck keinen Tumor zu übersehen.", veranschaulicht Thomas Szekeres das Problem. Zusammengefasst könnte man sagen, der am stärksten Burnout gefährdete Arzt ist ein alleinstehender, männlicher Spitalsarzt unter 47 Jahren.

>>Burnout gefährdet: männliche Spitalsärzte, alleinstehend, unter 47 Jahre alt.<<

Arbeitsbedingungen verschlechtern sich. Sucht man nach den Ursachen für diese doch ernüchternden Ergebnisse, so sind sie offenbar weniger medizinischer Natur als vielmehr durch  Arbeitsumfeld und -bedingungen geprägt. Die laufenden Personalkürzungen und die dadurch anstrengenderen Nachtdienste und vermehrten Überstunden lassen vor allem die Wiener SpitalsärztInnen besonders unter Druck geraten. Dazu kommt die alle Bereiche überziehende,  überbordende Bürokratie. Mängel in der Ausbildung und ein generelles Missverhältnis zwischen Verantwortung und Entscheidungskompetenzen führen zu Ängsten und Unsicherheiten im Arbeitsprozess. Dazu kommen auch vermehrt existenzielle Ängste, denn junge MedizinerInnen verdienen über weite Strecken deutlich weniger als andere AkademikerInnen im öffentlichen Dienst, "und das bei deutlich längerer Ausbildungszeit und hoher Belastung in Zeiten, wo die meisten Nicht-ÄrztInnen ihre Lebensplanung bereits zum Großteil bestimmt haben.", wie die Studienautoren festhalten.

Szekeres:  >>Es braucht eine umsichtige Spitalsreform mit Hauptaugenmerk auf die Menschen.<<

Gegenmaßnahmen dringend nötig. Die Ärztekammer reagiert mit Druck auf die politisch Verantwortlichen. Denn in Zeiten geringer Ressourcen und allerorts geforderter "Effizienzsteigerung" besteht die Gefahr, dass die problematischen Rahmenbedingungen sich weiter verschärfen. "Wir brauchen eine umsichtige Spitalsreform, die das Hauptaugenmerk auf die im Spital arbeitenden Menschen legt, anstatt auf ökonomische Erfolge.", plädiert Thomas Szekeres an die Entscheidungsträger. Die seit Jahren vorliegenden Reformvorschläge der Ärztekammer verhallten jedoch bislang scheinbar ungehört. Um die Situation der Ärzteschaft zu entschärfen und das Burnout-Risiko zu senken braucht es neue, flexiblere Arbeitszeitmodelle für SpitalsmitarbeiterInnen, spitalseigene Betreuungsplätze für deren Kinder, die Einstellung von AdministrationsassistentInnen und die Anpassung der Führungsstrukturen  im Spitalsbereich. Außerdem muss der niedergelassene Bereich zur Entlastung der Ambulanzen ausgebaut und patientenorientiert gestaltet, die HausärztInnen  als Gatekeeper nach dem Hausärztemodell der ÖÄK installiert werden.
"Einzelmaßnahmen sind rein kosmetische Korrekturen und weitgehend wirkungslos, nur ein gebündeltes Reformpaket ist geeignet, das Burnout-Risiko vor allem im Spitalsbereich nachhaltig zu senken.", warnt Vizepräsident der ÄKW Thomas Szekeres. (red.)
 

Gewerkschaft für Gesundheit

Der Arbeitsdruck
in unseren Häusern steigt stetig und wird durch geplante Personalkürzungen in Form von weiter reduzierten Ausbildungsplätzen und gestrichenen oder zeitverzögerten Nachbesetzungen verschärft. Arbeitszeitüberschreitungen sind jetzt schon üblich. Die zwingend notwendigen Überstunden werden aus budgetären Gründen immer häufiger in Freizeit abgegolten, allerdings mit zwanzig Tagen pro Jahr limitiert. Der Rest bedeutet Gratisarbeit? Sonderurlaube für gesetzlich vorgeschriebene und auch sinnvolle Fortbildungsveranstaltungen werden gestrichen oder finanziell ausgehungert. Unsere KollegInnen befinden sich am Limit ihrer Leistungsfähigkeit, die Arbeitszufriedenheit sinkt und der Stress macht zusehends krank.
Wir können und wollen das nicht länger hinnehmen und fordern daher dringend Maßnahmen zur Verringerung des Arbeitsdrucks ein. Dazu zählen neben ausreichendem Personal,
- die bessere Organisation der Arbeitsabläufe,
- verlässlich planbare Freizeit für unsere MitarbeiterInnen,
- professionelle Personalentwicklung,
- eine umfassende betriebliche Gesundheitsförderung,
- eine leistungsgerechte Entlohnung der Beschäftigten,
- altersgerechte Arbeitsplätze,
- und der Abbau der "Dokumentationsflut".
Wir hören die Sorgen der MitarbeiterInnen  und nehmen sie ernst. Gemeinsam machen wir auf unsere Situation aufmerksam und fordern Verhandlungen und rasche Lösungen für bessere Arbeitsbedingungen im Dienste unserer PatientInnen ein.

Dr.in Doris Lubec, Vorsitzende der PGA-ÄrztInnen

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