topimage
Sozialdemokratische ÄrztInnen
Banner Header
Aktuelle Ausgabe
H.P. Hofer: Gestaltungswille statt Resignation

Im Visier: Eine kritische Betrachtung | H.P. Hofer: Gestaltungswille statt Resignation

Universität aktuell

Geringe Wertschätzung der Arbeitsgesellschaft am Beispiel Uni-SpitalsärztInnen Die spitalsärztlichen Leistungen sind innerhalb von 10 Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen. Wir ÄrztInnen als Leistungserbringer werden an den Medizinischen Universitätskliniken aufgerieben zwischen ärztlichen Kernaufgaben, universitären Anforderungen und denen der Spitalsbetreiber. Eine adäquate Ressourcenvermehrung an medizinischem Personal, Räumlichkeiten, Zeit für Forschung usw. findet nicht statt.

Vereinbarungen am Papier.  Gesetzliche Arbeitszeitregelungen wurden als Schutz vor überlangen Arbeitszeiten, die ÄrztInnen und PatientInnen gleichermaßen gefährden, implementiert. Die beste Qualitätssicherung wäre die strikte Einhaltung der Arbeitszeitgesetze und Betriebsvereinbarungen.  Selbige werden bedauerlicherweise vielerorts nicht befolgt. Zusätzlich zum gesundheitsgefährdenden  Aspekt  überlanger Arbeitszeiten, wie gesteigertes Herzinfarkt-, Burnout- und Krebsrisiko, wird der Wert der Ware "ärztlicher Arbeit" zunehmend ausgedünnt, ja inflationär.

Exkurs I: Die Krisenprofis, um die 30 Jahre alt, denken global,  sind vernetzt und angepasst. Die Krise trifft sie härter als andere, aber nicht einmal das treibt sie zur Rebellion…Sie wollen nicht kämpfen, sie glauben, dass es ihnen nichts bringt, sie haben Angst, dass es ihrer Karriere schaden könnte. Sie wollen einen Job, dazugehören, eine Familie, sich etwas leisten können. Aber sie haben Angst, dass es dazu nicht mehr reicht. So lautet das Resümee einer SPIEGEL-Umfrage unter jungen Deutschen. Sie haben gelernt:  Gib alles und verlange nichts. Sei dankbar, dass du überhaupt arbeiten darfst.  Sie haben das Kämpfen durch das Klagen ersetzt. (Die Krisenprofis, Spiegel 25/2009, S. 48 ff)

>> Wir als ÄrztInnen sind im Begriff zum Kostenfaktor zu verkommen. <<

Aktive Mitgestaltung erlischt. Diese "verdrehte" Gesinnung findet auch im universitär-spitalsärztlichen Kontext ihre Reflexion. Ärztliche Politikverdrossenheit zeigt sich in immer geringem Interesse an aktiver Mitgestaltung des Arbeitsplatzes. Symptomatisches Beispiel: Das eher schwache Interesse an Gremien der Arbeitnehmervertretungen und die damit einhergehende geringe Beteiligung an Betriebsratswahlen und gewerkschaftlichen Aktivitäten. Ein geleisteter Eid zur ärztlichen Selbstaufgabe und Selbstaufopferung ist mir allerdings nicht bekannt.

Exkurs II: Oskar Negt, Philosoph, Sozialwissenschaftler und kritischer Betrachter unserer Gesellschaft sieht darin letztendlich ein Auseinanderdriften der subjektiven Orientierung des Menschen und der öffentlichen Systeme. Am Ende steht eine gebrochene Gesellschaftsordnung, in der das offizielle Institutionengefüge völlig intakt und funktionsfähig erscheint , aber im Inneren dieser Gesellschaft brodelt es,  in der Abwendung vom System entstehen politische Schwarzmarktphantasien - das Einfallstor für Populisten jeder Art. Unsere Gesellschaft kann also kippen, wenn die Politik keine  für die Menschen sichtbare Lösung der Zentralprobleme der Arbeitsgesellschaft bringt. Wir haben es in der Politik und Wirtschaft mit sogenannten Realisten, Tatsachenmenschen zu tun, die nur noch darauf verweisen, was nicht geht, so dass die Potentiale, die in der Gesellschaft stecken, nicht zur Entfaltung kommen. Jeder ist aufgefordert, Risse und Widersprüche wahrzunehmen und sie auf Veränderungsmöglichkeiten hin zu untersuchen, um sich dann für Alternativen stark zu machen, plädiert der Wissenschaftler  Negt.

>> Jeder ist aufgefordert Veränderungsmöglichkeiten wahrzunehmen und sich für Alternativen stark zu machen. <<

Soziale Verantwortung wahrnehmen. Wir ÄrztInnen haben, wie jeder politisch denkende Mensch, große soziale Verantwortung. Diese besteht  auch darin, Unglückskonstellationen rechtzeitig aufzudecken und sie durch eingreifendes Denken zu verhindern, statt zu warten bis die kollektive Katastrophe passiert ist. Gefährlich scheint mir vor allem, dass Werte kapitalisiert werden und damit ärztliches Tun als Bestandteil einer betriebswirtschaftlich optimierten Leistungs- und Ausbeutungsgesellschaft definiert wird. Es ist hoch an der Zeit, dass die beiden tragenden Säulen eines gesunden Arbeitsumfeldes, nämlich die Führungskultur und die Wertschätzung jedes einzelnen ärztlichen Mitarbeiters/jeder einzelnen ärztlichen Mitarbeiterin zu selbstverständlichen Tugenden im Spitalsalltag erhoben werden.
ArbeitnehmerInnen sind, gemeinsam mit Arbeitnehmervertretungen einmal mehr gefordert, die zukünftigen Entwicklungen kritisch zu verfolgen, und sich nötigenfalls als Interessensvertretung aktiv in die Entscheidungsprozesse einzubringen.

Logo: SPÖ
www.oegbverlag.at
Bund sozialdemokratischer Akademiker/innen, Intellektueller und Künstler/innen