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Sozialdemokratische ÄrztInnen
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Aktuelle Ausgabe
"Wo die große Welt im Kleinen ihre Probe hält."
"Wo die große Welt im Kleinen ihre Probe hält." V.l.n.r.: Helmuth Badjura (VAEB), Dr.in Elke Szönyi-Wirtinger (ÄKW), Prof. DI Kurt Völkl (VAEB), Dr. Peter Grabner (VAEB), Dr.in Sabine Oberhauser (BSA)

VAEB - Gesundheitsdialog Diabetes | "Wo die große Welt im Kleinen ihre Probe hält."

Cover | Roundtable E-Health

Während in der österreichischen Gesundheitspolitik über E-Health viel diskutiert wird, hat die VAEB (Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau) gemeinsam mit der Ärztekammer Wien vor gut einem Jahr das Projekt "Gesundheitsdialog Diabetes mellitus" ins Leben gerufen. Im Rahmen eines Roundtables der Sozialdemokratischen ÄrztInnen wurde dieser mittlerweile vom Gesundheitsministerium ausgezeichnete und im Kleinen durchaus erfolgversprechende Telemonitoring - Pilotversuch einer interessierten Ärzteschaft vorgestellt.

Die Intention. Seitens der VAED wollte man "Gesundheit neu denken ", wie es Chefarzt Dr. Peter Grabner formuliert, und "Zuwendung als ganzheitlichen medizinischen Ansatz ins System integrieren". Denn um den gesundheitspolitisch nötigen Paradigmenwechsel herbeizuführen, Strukturen und Prozesse den Ansprüchen anzupassen, braucht es Versuchsfelder. "Man muss weg vom rein akademischen Denken und die Dinge auf Akteursebene einfach einmal probieren.", so der VAEB-Generaldirektor und Projektentwickler Prof. DI Kurt Völkl.
Mit der Wiener Ärztekammer als Partner startet man also im Mai 2010 mit dem Telemonitoring Diabetes. Ein Komitee aus MedizinerInnen, DiätologInnen, PsychologInnen und SportwissenschaftlerInnen hat vorab das am Leitbild der Österreichischen Diabetes Gesellschaft orientierte medizinische Konzept entwickelt. Bis dato nehmen 243 PatientInnen und 39 ÄrztInnen teil, die patientenseitige Teilnehmerquote in den Pilotregionen Wien und Raum Mürztal liegt bei 44 Prozent.

Die Durchführung. Während eines ein- bis dreiwöchigen Aufenthalts in der Sonderkrankenanstalt für Stoffwechselerkrankungen in Breitenstein werden die DiabetespatientInnen therapiebegleitend mit der entsprechenden Projekttechnik vertraut gemacht. Je nach ärztlicher Vorgabe erheben die PatientInnen Blutzucker-, Blutdruck- und Gewichtsdaten mittels entsprechend adaptierter Messgeräte und übertragen diese über eine persönliche ID-Card auf das dazugehörige Handy. Ebenso verfahren sie mit dem sogenannten "Dialogtagebuch" zu sportlichen Aktivitäten und Gemütszustand, dessen Daten ebenfalls regelmäßig via ID-Card ins System eingespeichert und an den behandelnden Arzt/die Ärztin weitergeleitet werden. Das Procedere ist einfach und dauert lediglich ein paar Minuten. Die ÄrztInnen erhalten die Daten in Form von übersichtlichen Grafiken und Tabellen auf ihre digitale Patientenkartei. Sie verpflichten sich gegen entsprechendes Honorar seitens der VAEB ihren PatientInnen mindestens einmal pro Woche mittels digitalen Kommentaren Rückmeldung zu geben. So entsteht ein regelmäßiger Arzt/ Patienten - Dialog, der hohe Effizienz verspricht. 

Die Vorteile. "Als Diabetiker bedeutet dieses digitale Dialogsystem eine große Erleichterungen im Umgang mit der Krankheit.", weiß Helmuth Badjura, VAED - Projektleiter und Diabetiker aus eigener Erfahrung. Die PatientInnen fühlen sich laut Umfrage tatsächlich besser betreut und sicherer das Richtige zu tun, aber nicht -  wie man vielleicht meinen würde - bevormundet. Badjura: "Wer jemals selbst ein Diabetes-Tagebuch führen musste, weiß wie schwierig es ist, Datensicherheit zu garantieren." Diese ist aufgrund hoher Speicherkapazität der Messgeräte im digitalen Gesundheitsdialog zu hundert Prozent gegeben, "weil immer alle gemessenen Daten auf die ID-Card  per Knopfdruck übertragen werden und nichts eingetippt werden muss". Die betreuenden ÄrztInnen  haben klare Übersicht über den Krankheitsverlauf und können - wenn nötig - jederzeit korrigierend eingreifen. Durch den regelmäßigen Kontakt erhöht sich die Therapietreue der PatientInnen deutlich, zumal der Arzt/die Ärztin sich meldet, falls er/sie über mehr als zwei Wochen keine Patientendaten erhält. Die praktischen ÄrztInnen werden dank des "Dialogtagebuches" auch zum Coach in Sachen Lebens stiländerung, eine der wichtigsten Voraussetzungen, um Folgeerkrankungen bei DiabetikerInnen zu verhindern, aber auch um den beruflichen Alltag zu bewältigen. Und dennoch bleiben die KollegInnen in ihrem Tun flexibel, agieren zeitsparend, zeit- und ortsunabhängig. 

Die Vision. Derzeit richtet sich das Tele-Dialogprogramm ausschließlich an DiabetikerInnen. Wenn es sich bewährt, was die begleitende Evaluierung erahnen lässt, will man seitens der VAEB aufgrund des höheren Benefit Risikogruppen, wie Adipositas-PatientInnen, in das Projekt einbeziehen. Angedacht ist auch die Zusammenarbeit mit Diabetes-Ambulanzen und Pflegeorganisationen. "Telemonitoring auch für Gesunde als Präventionsangebot anzubieten ist unsere Zukunftsvision,", so Helmuth Badjura, "sofern Sozialversicherung, ÄrztInnen und PatientInnen an einem Strang ziehen. Das Zusammenspiel zwischen Technik und Präventionskonzept steigert die Autonomie der PatientInnen so weit, dass sie ihre gesundheitliche Situation durch richtige individuelle Entscheidungen nachhaltig verbessern können." 

Statement
Internationale Studien zeigen, dass der Einsatz von Telemonitoring bei chronischen Erkrankungen klinischen Nutzen haben kann. Metaanalysen* weisen auf bessere Kontrolle von Blutzuckerspiegel und Bluthochdruckwerten durch Telemonitoring hin. Weitere positive klinische Effekte konnten auch bei Asthma gezeigt werden. Durch Telemonitoring bei chronischer Herzinsuffizienz hofft man, die Rate der Spitalswiederaufnahmen reduzieren zu können. Pilotprojekte wie "Gesundheitsdialog Diabetes" sind besonders wichtig, um die praktische Umsetzbarkeit von Telemonitoring testen und schlussendlich nachweisen zu können.
Dr. Franz Leisch, Bundesministerium für Gesundheit
*Pare G et al 2010: Clinical Effects of Home Telemonitoring in the Context
of Diabetes, Asthma, Heart Failure and Hypertension: A Systematic Review,
J Med Internet Res 2010; 12(2):e21
 

Erfahrungsbericht  
Seit August 2010 nehme ich mit einem Diabetes II - Patienten am Pilot Diabetes mellitus teil. Am Beginn stand ein kurzes Informationsgespräch mit dem Projektleiter, die Aushändigung einer Info-Mappe und die kostenlose Ferninstallation des Systems durch die VAEB. Wenige Tastenklicks und die Eingabe meines Passwortes ermöglichen mir nun rasch und unabhängig von Ordinationszeit und Örtlichkeit die Messdaten meines Patienten am Laptop abzulesen. Er gibt seine Blutzucker-, Blutdruck- und Gewichtsdaten nach vereinbarter Vorgabe an einem frei gewählten Wochentag über sein Speicherhandy ein, ich werde mittels Erinnerungsmail darauf aufmerksam gemacht und kann die Werte und Tendenzen auf einer übersichtlichen Tabelle ablesen. Im freien Textfeld gebe ich dem Patienten wöchentlich ein entsprechendes Feedback mit Tipps, Ratschlägen und/oder Lob, um ihn positiv zu motivieren oder aber bei Bedarf  auch in die Ordination zu bitten. Diese unkomplizierte, regelmäßige Tele-Kommunikation bringt offensichtlich einen Fortschritt in der Diabetiker-Behandlung, zumal sich mein Patient besser betreut fühlt und sich aus bisheriger Erfahrung die Compliance des Patienten verbessert hat. Überdies wird das Einstellen des Zielwerts durch die regelmäßige Kommunikation rascher erreicht. Ich meine, es könnten mit diesem System Spätfolgen bei PatientInnen  minimiert werden, was in der Folge auch den Versicherungen und unserem Gesundheitssystem zu gute kommen würde.
MR Dr. Albert RAUSCHA, Allgemein- und Arbeitsmediziner

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