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Aktuelle Ausgabe
WGKK-Obfrau Ingrid Reischl

Im Gespräch: Mag.a Ingrid Reischl | "Die Zufriedenheit der Versicherten ist mein Parameter."

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WGKK-Obfrau Ingrid Reischl: Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) hat schwierige Zeiten hinter sich und einiges an wichtigen Strukturmaßnahmen vor sich. Nicht nur, dass sie von der Politik zu versicherungsfremden Leistungen herangezogen worden ist, die ihr massiv zugesetzt haben, hat auch die allgemeine Finanzkrise ihre Spuren hinterlassen. Obfrau Mag.a Ingrid Reischl stellt sich hier den drängenden Fragen der Ärzteschaft und hält dabei eines unmissverständlich fest: Die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten steht an oberster Stelle aller Überlegungen und Maßnahmen zur nachhaltigen Sanierung der WGKK.

Analyse (A.): Sie wurden in Zeiten der Krise und des Sparzwangs zur Obfrau der WGKK gewählt. Wie sieht Ihr Resümee nach eineinhalb Jahren aus?

Mag.a Ingrid Reischl (R.): Es ist richtig, dass mein Einstieg in die Wiener Gebietskrankenkasse von turbulenten Zeiten begleitet war. Ich denke aber, dass wir gemeinsam auf eine durchaus positive Bilanz zurückblicken können: Was das Jahr 2009 angeht, konnte die WGKK nach zehn aufeinander folgenden Verlustjahren einen Bilanzgewinn von 22,9 Millionen Euro ausweisen. Und auch 2010 haben wir die von der Politik vorgegebenen Finanzziele erzielt. Was aber das wichtigste ist: Wir haben mit der Ärztekammer einen Drei-Jahresvertrag abgeschlossen und können den Wienerinnen und Wienern damit weiterhin eine Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau garantieren.

>> Durch den Drei-Jahresvertrag mit der Ärztekammer können wir auch weiterhin eine Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau bieten.<

A.: Wie steht es finanziell um die WGKK?


R.: Wie gesagt: Wir haben auch im Vorjahr die Finanzziele erreicht und versuchen alle möglichen Potenziale zu heben, ohne dass dies auf Kosten unserer Versicherten geht. Eines ist aber auch klar: Eine nachhaltige Finanzierung des Gesundheitssystems ist auf diese Weise nicht machbar. Dazu braucht es eine groß angelegte Strukturreform und vor allem eine genaue, nachvollziehbare Aufschlüsselung, wer für welche Leistungen aufkommt. Wir haben oft genug erlebt, dass die Politik soziale Leistungen bei uns bestellt, ohne dafür zu bezahlen. Das geht sich auf Dauer nicht aus. Daher bleibt meine Forderung aufrecht, dass versicherungsfremde Leistungen in Zukunft über Steuergelder finanziert werden müssen. Außerdem wird man das Thema Finanzierung nicht ohne Einbeziehung der Spitäler lösen können. 


A.: Es gibt große Aufregung in der Ärzteschaft über die Schließung und Zwangszusammenlegung von Radiologie-Ordinationen. Wie steht die WGKK dazu?


R.: Von Zwangszusammenlegung kann man sicher nicht sprechen. Was wir versuchen ist, die Qualität und Modernisierung der bildgebenden Diagnostik voranzutreiben. Zu diesem Zweck soll es in Wien 16 Zentren in Form von Gruppenpraxen geben. Der Vorteil: In den Gruppenpraxen sind mindestens drei bis fünf Radiologen tätig, die sich kontinuierlich austauschen und vertreten können. Das kommt auch den Patientinnen und Patienten zugute. Die Neuorganisation wird im Übrigen in Abstimmung mit der Ärzte- und Wirtschaftskammer umgesetzt. Und sie erfüllt den Regionalen Strukturplan Gesundheit für Wien.


A.: Die WGKK geht davon aus, dass es eine angebotsinduzierte Nachfrage gibt, deshalb soll die Anzahl von MR- und anderen Diagnose-Geräten limitiert werden. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Indikationen für eben solche Untersuchungen und immer längere Wartezeiten auf einen Termin. Wie sehen Sie die Problematik?


R.: Da möchte ich wieder auf den Regionalen Strukturplan für Wien verweisen. Denn dort wurde die Anzahl der notwendigen MR/CT-Geräte bedarfsgerecht festgelegt, und zwar unter Berücksichtigung der künftigen Bevölkerungs- und Stadtentwicklung. Was die angesprochenen Wartezeiten angeht, so haben wir das Problem, dass die Spitäler solche Untersuchungen immer häufiger auslagern. Dazu kommt der stetig steigende Trend zur Absicherungsmedizin, der den Bedarf erhöht.


A.: Kolleginnen und Kollegen verschiedener Fachrichtungen beschweren sich immer häufiger über Ungleichbehandlungen bei der Möglichkeit der Weitergabe von Ordinationen und der Vergabe von Kassenverträgen. Wie ist Ihre Position dazu?


R.: Das muss ich wirklich entschieden zurückweisen. Die Vergabe von Kassenverträgen erfolgt strikt nach den gesetzlichen und gesamtvertraglichen Bestimmungen. Daran hat sich nichts geändert.

A.: Problem Generika: Es häufen sich Fachberichte, dass die Bioverfügbarkeit nicht immer ident und damit die Verträglichkeit nicht gegeben ist. Sollten hier nicht strenge Prüfungsverfahren angeregt werden?  Zudem sind die seitens der Kasse regelmäßig ausgeschickten, langen Generika-Listen von den Kolleginnen und Kollegen aus Zeitgründen kaum integrierbar.


R.: Generika werden vom Ministerium genau geprüft und entsprechend der gesetzlichen Vorgaben durch ein Zulassungsverfahren freigegeben. Dabei wird besonders auf die Faktoren "state of the art" und "evidence based medicin" geachtet, um den Einfluss von Einzelinteressen und Einzelmeinungen auszuschalten. Was die Verschreibungspraxis angeht, erhalten die Vertragspartner zweimal pro Jahr den Erstattungskodex, in dem Originärprodukte den Generika sehr übersichtlich gegenübergestellt werden. Die Arbeit sollte dadurch eigentlich erleichtert werden. Dazu kommt, dass in regelmäßigen Abständen die neuesten Medikamente auf Wirksamkeit, wissenschaftliche Evidenz, Sinnhaftigkeit und auch Wirtschaftlichkeit hin überprüft werden. Es kommen somit auch innovative und zum Teil sehr teure Produkte in den Erstattungskodex.


A.: Der Druck auf die niedergelassene Ärzteschaft bezüglich der Verschreibung effizienter, aber teurer Präparate steigt stetig. Patientinnen und Patienten werden im Kreis geschickt, langwierige Kommunikation mit den oft überforderten ChefärztInnen kostet viel Zeit. Wird hier nicht auf Kosten der Schwächsten gespart?


R.: Dazu möchte ich schon eines sagen: Die Chefärzte brauchen in jedem Fall ausreichende und richtige Informationen, wenn es um eine Kostenübernahme geht. Da müssen alle im Sinne der Versicherten zusammenspielen. Leider höre ich immer wieder, dass es hier noch Defizite gibt. Ohne Angabe von Diagnose, Vortherapie oder aussagekräftigen Befunden ist eine Bewertung durch die Chefärzte nur schwer möglich. Insofern haben Sie Recht: Die Information soll laufen, nicht der kranke Mensch im Kreis.

>> Sie haben Recht: Die Information soll laufen, nicht der kranke Mensch im Kreis. <<


A.: ÖVP - Gesundheitssprecher Dr. Erwin Rasinger will das Hanusch-Krankenhaus schließen und in das Krankenhaus-Nord integrieren. Was halten sie von diesem Vorschlag?


R.: Denkbar wenig. Es ist gesetzlich geregelt, dass wir das Hanusch-Krankenhaus betreiben. Ich möchte den Bogen aber etwas größer spannen: Die Krankenkassen zählen zu den größten Zahlern der Spitäler, ohne auch nur irgendwie mitentscheiden zu können. Beim Hanusch-Krankenhaus ist das anders. Ich sehe darin also eine große Chance. Unser Ziel ist es, im Sinne der Versicherten einen Gesundheitsverbund zu schaffen. Das Hanusch-Krankenhaus ist die Zentrale, unsere Gesundheitseinrichtungen sollen das Angebot ergänzen.


A.: Gibt es Pläne der WGKK zur Förderung von Präventionsmaßnahmen?


R.: Was die Prävention angeht, hat die WGKK eine ganze Reihe von Projekten laufen. Seit dem Herbst 2009 gibt es das Programm "Bewegt gesund" - Bewegung auf Krankenschein, das wir gemeinsam mit der Initiative "Fit für Österreich" und weiteren Partnern gestartet haben. Dann möchte ich - gerade in Zeiten, in denen der Druck am Arbeitsplatz stetig zunimmt - die betriebliche Gesundheitsförderung herausstreichen. Die WGKK begleitet und berät dabei Unternehmen, die für ein gesünderes Arbeitsumfeld sorgen wollen. Besonders engagierte Betriebe werden mit einem Gütesiegel ausgezeichnet. Und natürlich fällt unter das Stichwort Prävention auch die Vorsorgeuntersuchung, die wir mit zwei Einladekampagnen pro Jahr begleiten. Dieses Angebot wurde in den vergangenen Jahren immer besser angenommen, weil wir sehr gezielt und diagnosebezogen einladen. All diese Ansätze - und ich könnte die Liste noch lange fortsetzen - sind wichtig und richtig. Dennoch könnten wir alle sicher noch viel mehr erreichen, wenn die Prävention in Form von nationalen Gesundheitszielen definiert wäre.

>> Wir könnten sicher noch viel mehr erreichen, wenn die Prävention in Form von nationalen Gesundheitszielen definiert wäre. <<


A.: Ein Blick in die Zukunft: Welche Perspektiven hat die WGKK und durch welche Maßnahmen soll die sichere Versorgung unserer Patientinnen und Patienten aus Ihrer Sicht weiterhin gewährleistet werden?


R.: Was die nahe Zukunft angeht, haben wir durch den erwähnten Vertrag mit der Ärztekammer die Versorgung für die Wienerinnen und Wiener fixiert. Und wir haben wichtige Akzente für die Zukunft gesetzt: Der weitere Ausbau der Gruppenpraxen sollte gleichermaßen für Ärztinnen und Ärzte sowie für die Versicherten Verbesserungen bringen, so zu sagen eine win/win-Situation. Außerdem sind wir dabei, das Angebot für Kinder und Jugendliche zu optimieren. Was ich mir generell vornehme ist, dass sich die Zufriedenheit der Versicherten mit ihrer Krankenkasse in den nächsten Jahren kontinuierlich verbessert. Dabei spielt freilich auch die gute Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und den Vertragspartnern eine wichtige Rolle.


A.: Frau Mag.a Reischl, wir danken für das Gespräch!

Zur Person Mag.a Ingrid Reischl
Ingrid Reischl wurde in Wien geboren und begann ihre berufliche Laufbahn als Erzieherin. Nach dem Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien wechselte sie 1990 in die Gewerkschaft der Privatangestellten (heute GPA-djp). Ab 1993 war sie außerdem Universitätslektorin am Institut für Staats- und Politikwissenschaften sowie Autorin, Ko-Autorin  und Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu wirtschafts-, sozial- und arbeitsmarktpolitischen Themen. 1998 absolvierte die Expertin für Sozial- und Gesundheitspolitik eine Ausbildung an der Linzer Managementakademie und 2008/2009 an der "Betriebswirtschaftsakademie". Seit September 2009 ist sie Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse. Sie ist zudem Vorsitzende der Trägerkonferenz.

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