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In memoriam Prof. Dr. Stephan Rudas In memoriam Prof. Dr. Stephan Rudas
Curriculum Vitae: Prim. Dr. Georg Psota

In memoriam Prof. Dr. Stephan Rudas | 30 Jahre Psychosozialer Dienst: Eine Erfolgsgeschichte

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In der letzten Analyse-Ausgabe hat sich Roland Paukner in einem sehr persönlichen, berührenden Nachruf im Namen der sozialdemokratischen Ärztinnen und Ärzte von unserem langjährigen Mitglied und ehemaligen Vorsitzenden Stephan Rudas verabschiedet. Das Hauptwerk dieses engagierten Psychiaters und Humanisten, der Aufbau des Psychosozialen Dienstes (PSD) in Wien, bleibt uns als Meilenstein der Psychiatriereform erhalten und verdient es, medial beleuchtet zu werden. Wir baten dazu Stephan Rudas Nachfolger als Chefarzt des PSD Georg Psota zum Gespräch.

Analyse (A.): Herr Dr. Psota, wann kam es zur Gründung des Psychosozialen Dienstes in Wien?

Prim. Dr. Georg Psota (P.): Nach ersten Schritten Ende der siebziger Jahre erfolgte 1979 die einstimmige Beschlussfassung im Gemeinderat, bei der sich die Stadt Wien über alle Parteigrenzen hinweg zu dieser für damalige Zeiten nahezu unglaublichen Innovation bekannte. 1980 war dann die tatsächliche Gründung, es gibt unsere Einrichtung somit seit dreißig Jahren.

A.: Also ein Jubiläum und damit ein guter Zeitpunkt um den PSD vor den Vorhang zu holen. Wie konnte sich diese europaweit immer noch sehr innovative und selten erreichte Form der ambulanten Behandlung psychisch schwer kranker Menschen damals etablieren?

P.: Nun dafür zeichnen zwei Namen verantwortlich. Ideen und Konzepte von Sozialpsychiatern gab es ja damals einige. Aber Stephan Rudas hatte ein klares, gut durchdachtes und praxistaugliches Konzept erarbeitet, mit dem er sein kongeniales politisches Gegenüber, den damaligen Stadtrat Prof. Alois Stacher, überzeugte, und die beiden machten Nägel mit Köpfen. Sie erkannten und nutzten das innovationsfreundliche Zeitfenster zur raschen Umsetzung, die es sonst vermutlich - wenn überhaupt - noch lange nicht gegeben hätte.

A.: Welche Grundidee steckt hinter dem Konzept des PSD?

P.: Das Konzept steht auf zwei humanistisch-ethischen Säulen: Einerseits die Re-Integration schwer psychisch kranker Menschen in die Gesellschaft, die durch ambulante Betreuung weit besser funktioniert als durch ein "Wegsperren". Prof. Rudas wollte den Betroffenen ein weitgehend autarkes Leben ermöglichen, was auch erklärtes Ziel der hochqualifizierten ambulanten Betreuung im PSD ist. Und andererseits kämpfte Rudas Zeit seines Lebens für die gesellschaftliche Akzeptanz der Psychiatrie und damit für die Enttabuisierung psychischer Krankheiten, gleich einem Beinbruch oder Diabetes.

A.: Sprechen aus politischer Sicht nicht auch wirtschaftliche Interessen für die ambulante Betreuung?

P.: Tatsächlich gab es Anfang der Achtzigerjahre allein in Wien über 3800 Psychiatriebetten, wir sprechen hier von einer Kapazität zweier Donauspitäler. Eine qualitativ hochwertige Versorgung wäre bei steigender stationärer Bettenanzahl auf Dauer nicht finanzierbar gewesen. Aber um die Maxime von Stephan Rudas zu verdeutlichen: Wer dringend ein Psychiatrie-Bett braucht, der soll auch eines bekommen.

A.: Wie sieht die aktuelle Situation in Wien bezüglich Bettenreduktion und Effizienz der ambulanten Behandlung aus?

P.: Die stationäre Bettenanzahl von über 3800 Betten von 1980 liegt heute in Wien bei etwa 600 Betten. Waren früher vier von fünf Aufnahmen unfreiwillig, so ist es heute eine von vier. Die Suizide pro Jahr konnten in Wien um 50 (!) Prozent reduziert werden. Mit zwölf Suiziden pro 100.000 Einwohner liegt Wien derzeit weit unter der WHO-Obergrenze für Großstädte und österreichweit langjährig unter den Top-Drei-Bundesländern.

A.: An welche PatientInnen richtet sich das Angebot des PSD?

P.: Der PSD ist als Betreuungseinrichtung für schwer psychisch kranke Menschen gedacht, die anderenfalls sehr lange und häufige Krankenhausaufenthalte brauchen würden. Ein Viertel der Erstkontakte sind Psychose-Kranke, für die zwei Drittel der Leistungen des PSD erbracht werden. Da es allerdings nur wenige niedergelassene Psychiater mit Kassenvertrag gibt, kommen auch Menschen mit leichteren psychischen Störungen zu uns. Natürlich spielen hier auch der soziale Aspekt und die Leistbarkeit eine Rolle. Leicht depressive Menschen aus wohlsituiertem Milieu sind demnach definitiv nicht unser Klientel, obwohl wir aufgrund unseres gut vernetzten Angebots durchaus beliebt sind.

A.: Gibt es neben der Patientenbetreuung noch andere Aufgabengebiete, die der PSD abdeckt?

P.: Durch unseren regen Know-how-Transfer setzen wir vor allem sekundärpräventive Maßnahmen. Man darf nicht vergessen, dass zum Beispiel gut 80 Prozent Antidepressiva von niedergelassenen AllgemeinmedizinerInnen verschrieben werden. In den letzten zwölf Monaten waren knapp 30 Prozent der europäischen Bevölkerung psychisch krank. Diese Menge könnte in keinem Land die Psychiatrie alleine bewältigen und es wäre letztendlich auch eine zu starke Trennung von Psyche und Soma. Deshalb bieten wir permanent Fortbildungen für KollegInnen aus der Ärzteschaft, aber auch für PsychotherapeutInnen und Menschen, die mit psychisch Kranken unmittelbar zu tun haben, wie Pflegepersonal und RettungsmitarbeiterInnen, an. Auch Stephan Rudas hat unermüdlich Vorträge gehalten und ist dieser Aufgabe bis zuletzt mit großem Engagement nachgekommen.

A.: Wie sieht in Zeiten der Verknappung die wirtschaftliche Situation des PSD aus?

P.: Wir haben derzeit eine Stadträtin für Gesundheit und Soziales, die voll hinter uns steht. Und dennoch ist es nicht immer einfach zu erklären, was eine ambulante Krankenanstalt alles haben muss. Denn würden wir uns auf reine Beratungstätigkeit reduzieren, würde das in eine eklatante Unterversorgung in Wien münden, was manche Gesundheitsökonomen offenbar nicht wahrhaben wollen.

A.: Nach dem Ableben seines geistigen Vaters: Was sind die Zukunftsperspektiven des Psychosozialen Dienstes?

P.: Es gibt eine Vielzahl neuer Entwicklungen, auf die die primäre integrative Sozialpsychiatrie entsprechend reagieren muss. Aufgrund der demographischen Verschiebung steigt beispielsweise die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich, wodurch der Gerontopsychiatrie künftig ein besonderer Stellenwert zukommt. Die relativ jungen Bereiche Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Gender-Psychiatrie werden immer wichtiger und ein weiterer neuer Aspekt ist die Migrationspsychiatrie, wo teils schwer und multipel traumatisierte Menschen in die Gesellschaft integriert werden müssen.
Haben Rudas und seine KollegInnen damals ihr Augenmerk auf die Befreiung der Schizophrenen, Psychotiker und schwer Depressiven aus der Hospitalisierung gerichtet, so müssen wir heute darauf achten, dass entsprechend der genannten Entwicklungen nicht wieder mehr Menschen zu Pflegefällen werden und so eine neue stationäre "Abschiebewelle" entsteht.

A.: Welchen Auftrag hat Prof. Rudas aus Ihrer Sicht hinterlassen?

P.: Sein Auftrag ist klar: eine optimale Versorgung und Integration psychisch schwer kranker Menschen aller sozialen Schichten gewährleisten, die verschiedenen Konzepte dazu weiter vernetzen und darauf hinarbeiten, dass die Psychiatrie endlich Selbstverständlichkeitscharakter annimmt.
Es wird uns erst nach und nach bewusst, dass uns Stephan Rudas mit der Etablierung des PSD die entscheidende Psychiatriereform und die größte Spitalsreform der zweiten Republik hinterlassen hat.

A.: Herr Dr. Psota, wir danken für das Gespräch!

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