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Dr. Stephan Rudas 1944-2010 Dr. Stephan Rudas 1944-2010

Nachruf | Dr. Stephan Rudas 1944-2010

BSA intern

Stephan Rudas hat viele wichtige Funktionen in seinem viel zu kurzen Leben innegehabt. Für mich war er aber vor allem eines, ein wirklich guter Freund, den ich nun sehr vermisse.

Rudas war ein Immigrant. Er kam im Zuge der Wirren des Ungarnaufstandes 1956 mit seinen Eltern nach Österreich und ging in der Maroltingergasse ins Gymnasium. Meine Ordination liegt genau gegenüber: Jeden Tag, wenn ich dort aus dem Haus gehe, sehe ich seine Schule und muss an ihn denken.

Lebenswerk Psychiatriereform. Sein Lebenswerk ist die Wiener Psychiatriereform, die er unter Alois Stacher beginnen konnte. Es handelt sich um eine Wiener Psychiatriereform, die Fehler des Pioniers in Triest, Franco Basaglia, vermeidet. Die Situation der bis dato Entrechteten ändert sich gravierend. Der quasi aus dem Nichts aufgebaute Psychosoziale Dienst der Stadt Wien (PSD) ermöglicht einer großen Zahl von psychisch Kranken ambulante Behandlung und damit ein Leben außerhalb der Anstalt. Der Schutz des Krankenhauses hingegen steht weiterhin allen zur Verfügung, die ihn brauchen.

Die Zahlen sprechen für sich:

  • vor der Reform 3858 Psychiatriebetten, jetzt 635
  • vor der Reform 80% Zwangsaufnahmen, jetzt 25%
  • vor der Reform 400 Suizide pro Jahr in Wien, jetzt 200 .

Mahner der Gesellschaft. Stephan Rudas war aber auch ein Mahner, wenn es um Menschen am Rande der Gesellschaft ging. Ganz besonders lagen ihm dabei die Kinder am Herzen. Als Psychiater wusste er natürlich, was im Elternhaus, in der Schule, in der Gesellschaft ruiniert wird, bedeutet neben dem kindlichen Schmerz auch viel späteres Leid und ist oft nie wieder zu heilen. Für all das dankte ihm die Stadt Wien im Jänner 2010 anlässlich seiner Pensionierung und des dreißigjährigen Bestehens des PSD mit dem Goldenen Rathausmann. Wenige im Saal konnten die Tragweite der Schlussworte seiner Rede erfassen: Wenn ich wieder auf die Welt komme, möchte ich wieder Psychiater werden - und das in Wien. Man sah ihm zwar seine gesundheitlichen Probleme seit längerem an, darauf angesprochen, bagatellisierte er seinen Zustand jedoch. Er wollte wohl niemanden damit behelligen. Dass ich am Tag seiner Ehrung nicht in Wien war, tut mir noch heute unendlich leid.

Sorge um andere. Wir haben noch einige Male telefoniert. Er bat mich um Hilfe für eine pflegebedürftige Dame. Es war ihm wichtig, dass diese gut versorgt wird, weniger sein eigener Zustand. Ein geplantes Treffen schob er immer wieder hinaus, es ging ihm nicht gut. Am ersten Mai erfuhr ich von einem gemeinsamen Freund die ganze Wahrheit über seinen Gesundheitszustand. Ich rief ihn an und bot ihm meine hilflose Hilfe an. Er erklärte mir völlig ruhig und klar die Situation. Und sagte, meine Telefonnummer liege am Schreibtisch. Wenn ich gebraucht werde, werde man sich melden. Dass er seinen Rückzug brauchte, war unüberhörbar. Es war unser letztes Gespräch. Ein paar Wochen später war er tot.
Ich vermisse schmerzlich einen meiner besten Freunde. Wir konnten stundenlang, tagelang diskutieren, Gesundheits- und Sozialpolitik, allgemeine politische Fragen, persönliche Probleme, einfach alles. Er hat nie rasche Antworten parat gehabt, war nie direktiv. Er sagte höchstens: Dreh es um, schau es von der anderen Seite an. Und plötzlich war alles klar! Wie viele Menschen gibt es im Leben, mit denen das geht?

Politischer Mensch. Stephan Rudas war ein durch und durch politischer Mensch. Er wusste, dass gesellschaftliche Veränderungen nur durch den Zusammenschluss mit halbwegs Gleichgesinnten möglich sind. Daher kam seine Loyalität zu unserer Bewegung, daher sein Engagement bei den sozialdemokratischen Ärztinnen und Ärzten.  Er war ein freundlicher und verbindlicher Mensch, konnte aber sehr unerbittlich werden, wenn man seine Grundsätze nicht achtete. Gerade weil er diese hatte, wurde er oft angefeindet, in den letzten zwei Jahren in der Diskussion um das Psychiatrische Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe auch regelrecht persönlich angeschüttet. Es irritierte mich, dass er im letzten Jahr plötzlich Zweifel äußerte, ob er das alles durchstehen werde. Normaler Weise fing er in solchen Situationen zu kämpfen an. Offensichtlich begann er zu spüren, dass seine Kräfte schwanden.
Ich denke oft an seine Frau und an seine Kinder Laura und Paul. Für sie und für uns alle ist wichtig, dass er und sein Lebenswerk nicht vergessen werden. Dafür möchte ich mich einsetzen. Vor allem derentwegen, die Stephan Rudas besonders am Herzen lagen: psychisch kranker, stigmatisierter Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben.

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Stephan Rudas
* 27.5.1944 in Budapest, + 19. Juni 2010 in Wien
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie
Leiter des Instituts für psychosoziale Forschung
Arzt und Psychotherapeut für die Bewährungshilfe 1973-1986
Assistenzarzt der Universitätsklinik für Psychiatrie 1975-1980
Psychiatriebeauftragter der Stadt Wien seit 1977
Psychiatriereform und Gründung des PSD Ende der Siebzigerjahre
Chefarzt des Psychosozialen Dienstes bis Ende 2009
Seit 1979 Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen Ärztinnen und Ärzte
1989-1995 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Ärztinnen und Ärzte

Werke: Wenn die Macht mächtig macht, 1980; Soziale und psychische Voraussetzungen für gesundes Leben in der Stadt, 1988; Macht Angst krank, 1988
Prävention und Schutz vor Gewalt, 1993; Neue Aspekte in der Therapie psychisch Kranker, 1987; Stichworte zur Sozialpsychologie des Tabus, 1994; Österreich auf der Couch, 2001

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