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TurnusärztInnen: Qualifizierte Ausbildung oder billiger Systemerhalt?

Im Visier: Turnusärzteausbildung | TurnusärztInnen: Qualifizierte Ausbildung oder billiger Systemerhalt?

Interessensvertretung

In der Ausbildung zur Allgemeinmedizin stehen derzeit zwei sehr unterschiedliche Varianten zur Diskussion: einerseits der von drei auf sechs Jahre ausgeweitete Turnus zum Facharzt für Allgemeinmedizin und andererseits die von Bundesministerin Beatrix Karl andiskutierte einjährige Praxis im Studium mit Teilapprobation nach dem Studium.

Turnus neu. Der erweiterte Turnus ist aus meiner Sicht vom Grundgedanken her eine spannende Sache, zumal die fachlichen Anforderungen an die AllgemeinmedizinerInnen als ÄrztInnen des Vertrauens und KoordinatorInnen im Gesundheitssystem stetig steigen werden. Es kommt aber stark auf die Umsetzung dieser verlängerten Ausbildung an. Keinesfalls darf es so sein, dass die jungen ÄrztInnen künftig statt drei eben sechs Jahre für Routinearbeiten herangezogen werden.

Um eine sinnvolle, lehrreiche und für das spätere Berufsleben brauchbare Ausbildung zu bekommen, müsste man die ÄrztInnen von Routinearbeiten, wie Infusionen anhängen, Thrombose-Prophylaxe spritzen und anderen Tätigkeiten, die rechtlich auch vom Pflegepersonal ausgeführt werden könnten, entlasten. Dafür braucht es aber mehr Gesundheits- und Krankenpflegepersonal. Nur dann wäre es den TurnusärztInnen auch möglich, bei den Visiten dabei zu sein und wirklich das Rüstzeug für den späteren Alltag zu erlernen. Überdies müsste in einer sechsjährigen Ausbildung auch für ausreichend Erfahrung in Lehrpraxen gesorgt sein.

Teilapprobation. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl hat angeregt, den Turnus durch eine Teilapprobation nach dem Studium inklusive Praxis zu ersetzen. Approbation meint ursprünglich die Berechtigung zur selbständigen Arbeit außerhalb des Versicherungssystems. Dieser Lösungsansatz birgt aus meiner Sicht jedoch für JungmedizinerInnen Probleme: Der Begriff "Teilapprobation" ist bisher nicht bekannt und müsste neu definiert werden. Niemand weiß, welche Tätigkeiten und Arbeitsmöglichkeiten damit verbunden sind. Es ist außerdem kaum möglich, während des Studiums das nötige Rüstzeug für das spätere Berufsleben zu erhalten. Eine Verlängerung ist jedoch nicht angedacht und die inkludierte praktische Ausbildung würde höchstwahrscheinlich weiterhin im unbezahlten Famulanten-Status erfolgen. Als angehende "Teilapprobierte" würden diese jungen KollegInnen wohl hauptsächlich zu Routinearbeiten herangezogen, um sich nach dem Studium als eine Art "bessere Heilpraktiker" außerhalb des Versicherungssystems zu verdingen.

Das größte Problem an diesem Lösungsvorschlag sehe ich daher auch im Heranwachsen einer Generation von MedizinerInnen zweiter Klasse. Denn nach der Teilapprobation ist man de facto SystemerhalterIn ohne Möglichkeit einer Aufstiegschance mit stagnierendem Einkommen und ohne Perspektiven bzw. ohne Möglichkeit zur Selbständigkeit, alles in allem also eine billige Arbeitskraft. Die absehbaren Folgen derartiger Arbeitsbedingungen sind weitreichend bekannt: Motivationsverlust, Unzufriedenheit und Burnout. Außerdem befürchte ich, dass es sich hier um ein "typisch weibliches" Berufsmodell handeln könnte.

Ius migrandi - Ärztemangel. Das Argument, wonach sich die Wartezeiten auf ein Ausbildungsfach so verkürzen ließen, kann ich nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, bekommt man das Wunschfach nicht, bleibt man ewige/r SystemerhalterIn. Wo hingegen man im derzeitigen Model nach drei Jahren zumindest ein "Ius practicandi" vorzuweisen hat. Mit einem "Ius migrandi" wäre es auch möglich, nach Abschluss des Medizinstudiums im Ausland als Arzt/Ärztin zu arbeiten.

Da wir allerdings auf einen veritablen ÄrztInnen-Mangel zusteuern, muss sich in jedem Fall etwas ändern. Das derzeitige Ausbildungsmodell gehört reformiert. Am wichtigsten ist dabei die Qualität der praktischen Ausbildung, weg von administrativen Tätigkeiten und Routinearbeiten, wie Flaschen anhängen oder Injektionen verabreichen, hin zur Einbindung in die ärztliche Entscheidungsfindung in Diagnose und Therapie bei Morgenbesprechung und Visite.

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