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Hausärztemodell: Endlich Aufwertung und Anerkennung

Im Visier: Allgemeinmedizin neu | Hausärztemodell: Endlich Aufwertung und Anerkennung

Ärztekammer Wien

Die Bundeskurie der Niedergelassenen ÄrztInnen hat in der Juni -Vollversammlung einen für uns sehr wichtigen Beschluss gefasst. Demnach sollen niedergelassene Allgemein- und FachärztInnen in Zukunft als Gesundheitskoordinatoren ihrer PatientInnen fungieren und diese durch das Gesundheitssystem begleiten.

Längst Routine. Vieles, was im neuen Modell zur Aufwertung unseres Berufsstandes angedacht ist, gehört für uns längst zum beruflichen Alltag. Wir sammeln und besprechen auch jetzt schon die Befunde unserer PatientInnen, sofern diese sie auch mitbringen. Wir stimmen unsere Therapievorschläge und Medikation darauf ab, schreiben Überweisungen und Medikationslisten für entsprechende FachärztInnen und weisen gegebenenfalls auf Doppelmedikationen hin. Ebenso bieten wir die routinemäßige Vorsorgeuntersuchung tunlichst außerhalb der Ordinationszeiten an, führen viele Vorsorge- und Aufklärungsgespräche und kontrollieren den Impfpass. Dies alles geschieht bis dato weitgehend, mit Ausnahme der Vorsorgeuntersuchung, ohne gesetzliche Rahmenbedingungen und ohne entsprechende Abgeltung durch die Sozialversicherungen. Genau das soll sich nach Vorschlag unserer Kurienvertretung in der Ärztekammer nun ändern.

Eingetragene VertrauensärztInnen. Die PatientInnen sollen sich nach unseren Vorstellungen künftig auf freiwilliger Basis eine/n "Arzt/Ärztin ihres Vertrauens" aussuchen können, der/die auf ihrer E-Card eingetragen sein wird und verpflichtend und automatisch alle Patienten-Befunde elektronisch erhalten soll. Damit sind natürlich weitreichende Veränderungen für die Niedergelassenen ÄrztInnen verbunden. Unabhängig davon, ob PatientInnen sie konsultieren, müssen sie deren Befunde durcharbeiten, ihren Therapieplan bzw. die Medikation darauf abstimmen und ihre PatientInnen darüber informieren. Die HausärztInnen wären in Kenntnis aller Patientendaten und somit letztverantwortlich für den Therapieerfolg.

Diese neue Herausforderung erscheint mir im Sinne unser PatientInnen durchaus sinnvoll. Außerdem können so Doppelgleisigkeiten in Befundung, Medikation und Therapie künftig vermieden werden, was einen nicht unerheblichen Spareffekt nach sich ziehen würde. Allerdings bedeutet das Durcharbeiten der täglich automatisch eintreffenden Befunde einen erheblichen zeitlichen Mehraufwand, der finanziell abgegolten werden müsste. Die Pflichten und Rechte der HausärztInnen als eingetragene "ÄrztInnen des Vertrauens" mit Letztverantwortung müssen also neu definiert werden.

PatientInnen entscheiden. Voraussetzung für das Funktionieren des neuen Hausärztemodells ist aber, dass die PatientInnen es auch annehmen. Was die Sinnhaftigkeit von "VertrauensärztInnen" betrifft, müsste also Überzeugungsarbeit geleistet und müssten Anreize geschaffen werden. Das könnte durch Gespräche und Aufklärung der HausärztInnen, die ihre PatientInnen ja oft ohnehin schon seit Kindesbeinen begleiten, ebenso wie durch finanzielle Anreize, wie zum Beispiel den Wegfall von Rezeptgebühren, Impf- oder Fitnessgutscheine geschehen. Für Letzteres müssten die Sozialversicherungen allerdings grünes Licht geben. In Anbetracht der längerfristig zu erwartenden Einsparungen durch das neue Modell, sollte dies aber keine allzu große Hürde darstellen.

Lehrpraxis teuer. Problematisch erscheint mir im Moment allerdings die Heranbildung des ärztlichen Nachwuchses. Die Ausbildung junger ÄrztInnen in Lehrpraxen ist teuer. Angesichts des neuen Kollektivvertrags, der den JungmedizinerInnen zwar die nötige Aufwertung ihrer Tätigkeit mit der Erhöhung der monatlichen Abgeltung um das Dreifache beschert, ist die Lehrpraxis für viele niedergelassene KollegInnen nicht mehr leistbar. Sie bräuchten dringend finanzielle Unterstützung, um weiterhin junge KollegInnen auf ihren Beruf vorbereiten zu können.

Alles in allem könnte die neue - großteils ja schon gut geübte - Rolle der Niedergelassenen ÄrztInnen mit den entsprechenden rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen aber zu einer Vielzahl positiver Effekte im Gesundheitssystem führen. Neben effektiver Patientenbetreuung und der Vermeidung teurer Doppelgleisigkeiten könnten auch die Ambulanzen der Spitäler künftig weitgehend entlastet werden. Einerseits werden durch die geplanten Ärztegemeinschaften und Gruppenpraxen Randzeiten künftig besser abgedeckt, andererseits bräuchte es aber in Wien neben dem flächendeckenden Netzwerk an ärztlichen Bereitschaftsdiensten auch ein rund um die Uhr verfügbares Netzwerk an Krankenpflege-, Psychotherapeuten- bzw. Psychologendiensten.

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