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Gesundheit am Markt

Gesundheit am Markt | Macht mehr Markt gesund?

Gesundheitspolitik

Die Gesundheitsgespräche des Forums Alpbach waren, wie jedes Jahr, informativ und aufschlussreich für mich. Eine Aussage des Leiters der Abteilung für Sozialpolitik der Wirtschaftskammer ließ mich allerdings aufhorchen. Dr. Martin Gleitsmann forderte in seinem Beitrag vehement mehr Markt für das Gesundheitssystem.

Marktplatz Gesundheit? Was aber bedeutet mehr Markt im Gesundheitssystem? Im Vordergrund marktwirtschaftlichen Handelns steht der Gewinn, ein legitimer Wunsch für einen Mitarbeiter der Wirtschaftskammer. Es ist auch richtig, dass in Österreich das öffentliche System, in Form von Sozialversicherungen und öffentlichen Krankenanstaltenträgern, das Gesundheitswesen dominiert. Indirekt jedoch fordert Gleitsmann auch die Entmachtung der Sozialversicherungen zu Gunsten des freien Marktes. Und das als stellvertretender Obmann der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA). Wie aber definiert sich der Begriff Markt wirtschaftspolitisch? Der Begriff Markt (von lat.: mercatus Handel, zu merx Ware) bezeichnet im engeren Sinne den Ort, an dem Waren regelmäßig gehandelt oder getauscht werden (Handelsplatz). Im weiteren Sinne bezeichnet der Begriff heute das geregelte Zusammenführen von Angebot und Nachfrage von Waren, Dienstleistungen und Rechten (Wikipedia).

Preisfrage Gesundheit? Wir sollten also die Dienstleistung "Therapie" frei handeln, was zum Teil im Bereich der Privatmedizin auch geschieht. Aber größtenteils unterliegt der "Markt Gesundheit" strengen Regeln. Mit der Konsequenz, dass unsere Leistungen überwiegend von einigen wenigen Krankenkassen gekauft werden und die niedergelassenen ÄrzteInnen mit Kassenvertrag ihren Preis (Honorare) nicht entsprechend der Nachfrage anpassen können. Der Nachteil sind oft unrealistisch niedrige Honorare für die ÄrztInnen, aber der Vorteil ist eine leistbare, flächendeckende Versorgung für die Versicherten. Mehr Markt könnte bedeuten, dass Verträge mit Krankenversicherungen gekündigt werden, die PatientenInnen Honorare entsprechend individueller Vereinbarungen bezahlen und dann von den Versicherungen einen Teil des Honorars zurückerhalten. Unweigerlich führt so ein System zu Mehrkosten für die PatientInnen. Es würde also sozial schlechter gestellten PatientenInnen den Zugang zu medizinischen Leistungen deutlich erschweren. Man kann dies auch als Zwei-Klassen-Medizin bezeichnen.

Qualitätskriterium Markt? Warum fordert Gleitsmann als Spitzenfunktionär der SVA ein derartiges System? Die Antwort auf diese Frage kann man der Seite www.wirmachengesundheit.at entnehmen. Gleitsmann  fordert einen Wettbewerb zwischen privaten und staatlichen Systemen, und er fordert einen Wettbewerb um Qualität. Hier wird suggeriert, dass öffentliche Systeme qualitativ minderwertig und teuer sind, und das stimmt insbesondere bei Krankenanstalten so sicher nicht.

Wie wir gehört haben, will man aber gerade hier mehr Markt. Um dies zu erreichen, muss das derzeitige System erst einmal schlecht geredet werden. Es soll künftig also nur mehr gewinnorientierte Privatspitäler im Eigentum von Mitgliedern der Wirtschaftskammer geben. Ein entsprechendes System gibt es übrigens bereits in den USA. Mit der weitgehend bekannten Konsequenz, dass 50 Millionen Menschen keine Versicherung haben, weil es zu teuer und das Gesundheitssystem viel kostspieliger als in Österreich ist: Während wir 10,5 Prozent des BIP für Gesundheit ausgeben, sind es in den USA 17,5 (!) Prozent. Ist es das, was sie haben wollen, Herr Gleitsmann?

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