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Prof. Dr. Thomas Szekeres Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres

Wollen wir Nivellierung oder Spitzenmedizin? Im Gespräch: Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres

Ärztekammer Wien

Seit geraumer Zeit stehen sowohl die KAV-Spitäler als auch deren Ärzteschaft in der öffentlichen Kritik. Wirft man den öffentlichen Krankenanstalten vor, kostenintensiver als Privatspitäler zu sein, sehen sich die KollegInnen mit pauschalen Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Wir baten Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Vizepräsident der Ärztekammer Wien, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.

Analyse (A.): Herr Professor Szekeres: Was ist dran an den Korruptionsvorwürfen?
Prof. Dr. Thomas Szekeres (S.): Die ganze Geschichte ist auf einen Kontrollamtsbericht zurückzuführen, basierend auf einer Untersuchung der KAV-Spitäler im Zeitraum 2002 bis 2008. Fünf Millionen Patientenkontakte pro Jahr wurden untersucht. Für den gesamten Untersuchungszeitraum sind ganze drei Verdachtsfälle, dass PatientInnen manipulativ in die Privatordination umdirigiert worden seien, dokumentiert. Außerdem sind noch einige nicht korrekt gemeldete Nebenbeschäftigungen angeführt. Das war‘s.

A.: Wie lässt sich daraus ein pauschaler Korruptionsvorwurf konstruieren?
S.: Der ehemalige Rechnungshofpräsident Dr. Fiedler hat daraus einen medialen Skandal produziert. Er hat mir gegenüber während einer TV-Diskussion auch den Vorwurf geäußert, es gäbe im KAV Kuvert-Medizin, was ich vehement zurückgewiesen habe. Einzelfälle könne man ja jederzeit gerichtlich verfolgen, was allerdings nicht passiert ist. Ich spreche mich vehement gegen jede Pauschalverurteilung und Verunglimpfung unserer Kolleginnen und Kollegen aus, die täglich in den Spitälern ihr Bestes leisten.

A.: Es gibt seitens der Wirtschaftskammer immer wieder Stimmen, die meinen, dass eine ähnliche Führung wie in Privatspitälern weitaus günstiger käme, als die derzeitige KAV-Spitalsstruktur.
S.: Das ist ein ziemlich scheinheiliges Argument. Erstens haben öffentliche Krankenanstalten ein anderes Patientenklientel, sie können sich ihre PatientInnen auch nicht aussuchen. Und zweitens ist das Leistungsangebot in öffentlichen Spitälern weitaus größer. Natürlich könnten wir beispielsweise die sicher sehr kostspielige Transplantationsmedizin einsparen. Aber wäre das gewollt? Es wird im KAV Spitzenmedizin geboten, was sinnvolle Einsparungspotentiale betrifft, sind wir am Limit angelangt.
Wenn man weiter Geld aus dem System abziehen will, dann muss man auch klar sagen, welche PatientInnen ab sofort weniger Leistungen erhalten sollen.

A.: Was steckt eigentlich hinter dieser Negativkampagne gegen den KAV und seine Ärzteschaft?
S.: Die laufenden und immer wiederkehrenden Angriffe auf die Ärzteschaft sind mir unverständlich. Wenn seitens der Politik nicht die Bereitschaft besteht, das Gesundheitssystem zu finanzieren, dann soll man das auch so sagen. Wir sind durchaus für sinnvolle Einsparungen, aber keinesfalls auf Kosten der PatientInnen und der Wiener Spitzenmedizin.

A.: Wo könnte also im Krankenhausbereich eingespart werden?
S.: Ein Teil der Kosten geht natürlich auf teure Erhaltung zurück. Vor allem in ländlichen Gebieten sind Spitäler ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Krankenhaus-Auflassungen und -Zusammenlegungen und eine bessere Kooperation der Bundesländer hätte sicher Einsparungspotential.
Aber dadurch gingen nicht nur Arbeitsplätze im Spitalswesen verloren, sondern - wie auch der stellvertretende Landeshauptmann von Niederösterreich offen klarstellt - es würde auch Zulieferbetriebe schädigen. Die hohen Kosten stützen also nicht nur das Gesundheitssystem sondern auch die regionale Wirtschaft. Es fehlt aus diesen Gründen auch der politische Wille zur Effizienzsteigerung. Das muss so angesprochen und auch so bewertet werden.

A.: Wir danken für das Gespräch!

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