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Sozialdemokratische ÄrztInnen
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Aktuelle Ausgabe

Ein Blick zurück IX
Österreichische Gesundheitspolitik am Höhepunkt

BSA intern

Mit Bundesgesetz vom 21. Jänner 1972 wurde ein eigenes Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz geschaffen. Primaria Dr. Ingrid Leodolter (1919 - 1986) wurde zur Ressortchefin bestellt.

Sie schuf in kurzer Zeit ein arbeitsfähiges und modernes Ministerium. Das Schwergewicht ihrer medizinischen Bemühungen lag auf dem Gebiet der Vorsorgemedizin. Sie leitete eine Reorganisation des Spitalswesens ein, erarbeitete ein neues Lebensmittelgesetz und machte den Umweltschutz zu einem Anliegen aller Österreicher.

Ärzteproteste
Der ärztefeindliche Entwurf zur 29. ASVG-Novelle löste große Unruhe in der Ärzteschaft aus. Am 26. Juni 1972 überreichte eine Delegation der Österreichischen Ärztekammer im Bundeskanzleramt eine Protestresolution. Am 5. Oktober 1972 fand im Wiener Konzerthaus eine Protestversammlung statt, an der 2000 ÄrztInnen teilnahmen. Den Höhepunkt des Widerstandes bildete ein Protestmarsch von 7000 ÄrztInnen  über die Ringstraße am 18. Oktober 1972. Die Vermittlung des damaligen Sozialministers Rudolf Häuser brachte schließlich eine Einigung mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger.
Am 1. September 1973 kamen drei Wiener Ärzte und ein Pharmazeut bei einem Hotelbrand in Kopenhagen ums Leben. Unter den tödlich Verunglückten befand sich auch unser langjähriges Vorstandsmitglied Primarius Dr. Walter Korp.

Gesundheits- als Sozialpolitik
Im November 1973 wurde Prof. Dr. Alois Stacher zum Mitglied der Wiener Landesregierung und zum amtsführenden Stadtrat für Soziales und Gesundheit gewählt. In seiner Funktionsperiode bis 1989 erreichte sowohl das Sozial- als auch das Gesundheitswesen in Wien einen einmaligen Höhepunkt. Es wurden neue Krankenanstalten gebaut und alte Spitäler saniert. Viele Gesundheitsbereiche - allen voran die Vorsorgemedizin - wurden erweitert, soziale Hilfen wurden verbessert und eine international beachtete Psychiatriereform durchgeführt. Stacher erkannte als Arzt die Not als Wegbereiter vieler Krankheiten und betrachtete gesundheitliche und soziale Probleme als zusammengehörig. Sein Wirken kann nur mit jenem von Dr. Julius Tandler verglichen werden. Beide erbrachten als international anerkannte Mediziner im kommunalen Gesundheits- und Sozialbereich großartige Leistungen. Sie setzten neue Maßstäbe im öffentlichen Gesundheitsdienst und führten Neuerungen ein, die in der Bevölkerung bald zur Selbstverständlichkeit wurden. Leider war es nicht möglich, diesen fortschrittlichen Weg für die Zukunft zu sichern.

Modernes Gesundheitswesen
Ingrid Leodolter und Alois Stacher waren sozialistische Gesundheitspolitiker, die wussten, dass ohne ÄrztInnen kein fortschrittliches Gesundheitssystem aufgebaut werden kann und lehnten Aktionen gegen die Ärzteschaft ab. In Zusammenarbeit mit den ÄrztInnen wurden für Wien und für Österreich große Fortschritte im Bereich der Volksgesundheit, wie zum Beispiel durch Impfaktionen und Reihenuntersuchungen erzielt. Nur an einige gesundheitspolitische Erfolge sei hier erinnert: Einführung des Mutter-Kind-Passes, gesetzliche Verankerung der Gesunden-Untersuchung, Ausbau des Ärztenotdienstes und Einführung der mobilen Schwestern, Risikokinder-Programm, Seh- und Hörtestungen, Lärmbekämpfung, Einrichtung von Raucher- und Ernährungsberatungsstellen und die Errichtung von Messstellen zur Überprüfung der Luft auf Schadstoffe und Radioaktivität.

Im Jahr 1973 wurde Dr. Elisabeth Pittermann Schriftführerin der Fachgruppe ÄrztInnen im Wiener BSA. 1974 hatte die Vereinigung Sozialistischer ÄrztInnen Österreichs in Wien 743 und im gesamten Bundesgebiet 2.124 Mitglieder.

Dr. Walter Korp
Dr. Walter Korp wurde am 15. März 1926 in Graz-Eggenberg geboren. Sein Vater Andreas Korp war Staatssekretär für Volksernährung und später Staatssekretär für Inneres. Sohn Walter maturierte in Wien und absolvierte nach der Entlassung aus der französischen Kriegsgefangenschaft sein Medizinstudium an der Wiener Universität. Er promovierte 1951 und erhielt anschließend im Lainzer Krankenhaus seine Spitalsausbildung. Nach längeren Studienaufenthalten im Ausland wurde er im Jahr 1965 zum Vorstand der 3. Medizinischen Abteilung (Stoffwechselabteilung) in Lainz bestellt. Er war ein international anerkannter Fachmann in der Erforschung und Behandlung von Diabetes mit dem Schwerpunkt Diabetes im Kindes- und Jugendalter. Primarius Korp wurde auch als einsatzfreudiger Gewerkschaftsfunktionär geschätzt. Zuletzt war er Vertreter der PrimarärztInnen der Städtischen Krankenanstalten. In seiner Studentenzeit war er maßgeblich am Aufbau der Fachgruppe Medizin des Verbandes Sozialistischer Studenten beteiligt. Von 1968 bis 1973 gehörte er dem Vorstand der Sozialistischen Ärztevereinigung Österreichs an. Er starb am 1. September 1973 im 48. Lebensjahr bei einer Brandkatastrophe in Kopenhagen.

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