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Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres

Nachgefragt | Kammerbeiträge zu hoch!

Ärztekammer Wien

In Zeiten der Krise und der anstehenden Gesundheitsreform erweist sich die Ärztekammer Wien als stabiler und unverzichtbarer Partner der Wiener Ärzteschaft. Wir sprachen mit Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres über seine turbulente erste Halbzeit als Vizepräsident und über seine Ziele für die nächsten zweieinhalb Jahre.

Analyse (A.): Herr Professor Szekeres, wie sieht Ihr Resümee nach zweieinhalb Jahren und damit der Halbzeit Ihrer ersten Legislaturperiode als Vizepräsident der Wiener Ärztekammer aus?
Univ. Prof. Dr. Thomas Szekeres (S.): Ich bin im Jahr 2007 für mich ziemlich überraschend zum Vertreter der angestellten ÄrzteInnen in Wien und Vizepräsidenten der Kammer gewählt worden. Von Beginn an hat der Ärzteschaft ein besonders kalter Wind entgegengeblasen. Die größte Herausforderung für unser sicherlich sehr gutes Gesundheitssystem war und ist die beabsichtigte Gesundheitsreform. Ein wesentlicher Punkt war sicher meine Unterstützung der Ärzteproteste. Meine KollegInnen und  ich wollen eine Amerikanisierung des Österreichischen Systems durch die Hintertür verhindern. Dies scheint uns bis dato gelungen zu sein.
 
A.: Sie sehen die Vorhaben der Gesundheitsreformer also eher kritisch?
S.:
Die Absichten der Reformbefürworter sind sehr differenziert. Besonders bedrohlich scheint mir eine Öffnung des Gesundheitsbereiches hin zu einem reinen Wirtschaftsmarkt. Hiezu gibt es klare Bekenntnisse der Wirtschaftskammer (www.wirmachengesundheit.at
). Wie es scheint, sollen zuerst die Krankenkassen kaputt gespart werden, um dann gewinnorientierten Privatanbietern das Feld zu überlassen.

A.: Was würde eine Privatisierungswelle für das Gesundheitssystem bedeuten?
S.:
Das Hauptproblem der Privatisierung wären die steigenden Kosten. So gibt man zum Beispiel in den USA rund 17 Prozent des BIP für Gesundheit aus, während bei uns die Kosten seit nunmehr 1995 bei nahezu konstanten 10 Prozent  des BIP liegen.  Die ungleichen  Zugangsmöglichkeiten zum System stellen ein weiteres Problem dar. Kranke Menschen ohne entsprechende finanzielle Möglichkeiten haben in den USA teilweise keine Versorgung und es gibt dort 45 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung!

A.: Hat das Image der Ärztinnen in der Öffentlichkeit gelitten?
S.: Wir waren extrem damit beschäftigt Angriffe auf ÄrzteInnen abzuwehren. Vorwürfe der Korruption, Kuvertmedizin, Fehlerhäufigkeit etc. wurden von unterschiedlichen Stellen laufend erhoben und mussten abgewehrt werden. Um hier nicht nur zu reagieren, sondern auch pro-aktiv zu wirken, hat die Kammer heuer durch Imagekampagnen versucht auf den schweren, aber schönen Arztberuf medial aufmerksam zu machen.

A.: Welche Erfolge konnten Sie bzw. die Kammer in den letzten zweieinhalb Jahren  verbuchen?
S.:
Doch einige: Es ist uns gelungen in Wien das System der Sonderklassehonorare zu retten und eine einigermaßen faire und transparente Lösung zu erreichen. Schon bald wird es für alle bei KAV und MUW angestellten ÄrzteInnen möglich sein, über ein Internetportal die individuell wichtigen Informationen abzurufen. 
Ärgerliche Schwierigkeiten wurden durch das nunmehr doch etwas entschärfte Antikorruptionsgesetz verursacht.
An der MUW tritt mit 1. Oktober 2009 - viel zu spät - aber doch ein neuer Kollektivvertrag mit teilweise wesentlich höheren Gehältern und einem klar definierten Karrieremodell in Kraft. Auch hier haben wir mit vereinten Kräften für einen entsprechenden Beschluss gekämpft.

A.: Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf  in der Kammer?
S.: Die Wiener Ärztinnen und Ärzte zahlen nach einer dreijährigen Frist 2,6 Prozent ihres Einkommens als Kammerumlage an die Ärztekammern, an die Wiener Kammer 2,1 Prozent und an die Österreichische Kammer  0,5 Prozent. Ich halte es für notwendig, die Beiträge zu reduzieren.
Insbesondere wenn man die finanzielle Belastung auch weniger gut verdienender KollegInnen durch den Wohlfahrtsfonds mitberücksichtigt. Insgesamt zahlt man über 18 Prozent des Einkommens aus ärztlicher Tätigkeit in die Kammer. Ein Betrag, der, seit es keine Pragmatisierungen bei der Stadt Wien bzw. beim Bund mehr gibt, ausnahmslos und verpflichtend einbezahlt werden muss.
Über den Wohlfahrtsfonds muss die Kammer meiner Meinung nach besser aufklären, denn er bietet wichtige Vorsorgemöglichkeit für Ernstfälle, wie Invalidität, Witwenrenten, Waisenversorgung usw., die kaum von einer privaten Versicherung gedeckt werden. Auch eine zusätzliche Pensionsversorgung könnte in Zukunft notwendig werden, wenn private Vorsorgeprodukte weiterhin - wie zuletzt durch die Wirtschaftskrise - an Wert verlieren.
Nichts desto trotz muss es möglich sein, die finanzielle Belastung der ÄrztInnen und Ärzte spürbar zu reduzieren. Wir zahlen meiner Meinung nach zu viel von unserem Einkommen in die Kammer!

A.: Wir danken für das Gespräch!

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