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Sozialdemokratische ÄrztInnen
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Aktuelle Ausgabe
Prim. Dr. Hugo Schorsch

Ein Blick zurück VI (1959 - 1962)
Kampf gegen Verstaatlichung des Gesundheitsdienstes, das "Wiener Programm" und der vertraglose Zustand

BSA intern

In der Generalversammlung der Sozialistischen Ärztevereinigung Österreichs am 8. März 1959 wurde Dr. Hugo Schorsch zum neuen Vorsitzenden und Nachfolger von Dr. Friedrich Beigel gewählt. Seine Stellvertreter waren Dr. Karl Thierer und Dr. Karl Poradek.

Verstaatlichung? Die Jahre 1958 und 1959 waren überschattet von der Furcht vor einer Verstaatlichung des Gesundheitsdienstes, der die ÄrztInnen zu Beamten machen sollte. Die schlechte finanzielle Lage der Kassen bot dafür eine günstige Gelegenheit. Der in der Zeitschrift "Arbeit und Wirtschaft" am 1. Juni 1959 veröffentlichte Artikel "Gesundheitsdienst für alle - unser nächstes Ziel" löste große Aufregung in der Ärzteschaft und massive Angriffe gegen die Gesundheitsplanung der "Marxisten" aus. Bei den Budgetverhandlungen im Herbst 1959 wurde darüber diskutiert. Die sozialistischen ÄrztInnen waren gespalten. Sie traten prinzipiell für eine Reform des Gesundheitswesens ein, das allen Menschen in unserem Land die bestmögliche medizinische Betreuung ermöglichen sollte. Doch viele waren auch der Auffassung, dass dieses Ziel nur in einem staatlichen Gesundheitsdienst zu erreichen wäre.

"Das Wiener Programm". Das in der Vollversammlung der ÄK-Wien mit den Stimmen der sozialistischen ÄrztInnen  beschlossene "Wiener Programm" wurde am 2. März 1960 der Wiener Gebietskrankenkasse übergeben. Es enthielt finanzielle Forderungen mit einer Neufestsetzung eines gerechten Honorarsystems, einer bezahlten Urlaubsregelung und Vorschläge für eine Reihe von strukturellen Änderungen. Am 10. Oktober 1961 wurde in der Wiener ÄK ohne Zustimmung der sozialistischen ÄrztInnen eine starke Erhöhung der ursprünglichen Honorarforderung beschlossen. Das erschwerte die bisher schon sehr zäh geführten Verhandlungen mit der Wiener Gebietskrankenkasse. Da keine Annäherung erfolgte, kam es am 18. April 1962 zum vertraglosen Zustand.

Ärztekammerwahl. Am 1. August 1961, also in der für die Ärzteschaft sehr kritischen Phase verstarb unerwartet der Präsident der Wiener ÄK, Dr. Konrad Eberle. Sein Nachfolger wurde Dr. G. Plohovich. Die Wiener Ärztekammerwahl am 19. Mai 1962 fiel ebenfalls in die Zeit des Kampfes um eine bessere Honorierung der KassenärztInnen. Die sozialistischen Spitzenkandidaten waren Marcell Schnardt, Kurt Steyrer und Hugo Schorsch. Ihre Fraktion erhielt 471 Stimmen und somit 6 Mandate. Das Österreichische Ärztekomitee errang mit 35 Mandaten die absolute Mehrheit, und Dr. Fritz Daume wurde Ärztekammerpräsident.

Vertragloser Zustand. Obwohl sich die damaligen Minister Proksch und Drimmel um eine Beilegung des Ärztestreiks bemühten, beschlossen die Wiener ÄrztInnen in einer Urabstimmung, den vertraglosen Zustand fortzusetzen. Vor dem Haus der Wiener Ärztekammer in der Weihburggasse kam es zu Demonstrationen gegen die Ärzteschaft. Um aus dieser ausweglosen Situation zu kommen, erfolgten über Einladung des damaligen ÖGB-Präsidenten Franz Olah Gespräche von Funktionären der Sozialistischen Ärztevereinigung und der Vereinigung Österreichischer Ärzte mit Vertretern des Hauptverbandes und der Wiener GKK, die ein Angebot für ein Honorarprovisorium machten. Diese Gespräche außerhalb der Kammer führten schließlich dazu, dass am 26. Juli 1962 die ersten offiziellen Verhandlungen zwischen dem Hauptverband und der österreichischen Ärztekammer aufgenommen werden konnten. Bei weiteren Verhandlungen der Wiener ÄK mit der Wiener GKK konnte in einem Etappenplan ein Großteil des "Wiener Programm" realisiert werden.
Diese von zwei Ärztekammerfraktionen ohne Absprache mit der Kammerführung durchgeführten Aktionen wurden von einem Großteil der KollegenInnen als Verstoß gegen die Einheit der Ärzteschaft und als Streikbruch aufgefasst. Die Folge war ein großer Verlust an Wählerstimmen und Mitgliedern. Dr. Hugo Schorsch, der maßgeblich an den fraktionellen Verhandlungsgesprächen mitgewirkt hatte, blieb noch ein Jahr Vorsitzender der Sozialistischen Ärztevereinigung Österreichs.

Prim. Dr. Hugo Schorsch
Prim. Dr. Schorsch, geboren am 8. April 1911 in Wien, war von 1959 bis 1963 Vorsitzender der Sozialistischen Ärztevereinigung Österreichs. Sein Vater, Johann Schorsch, war vor 1934 maßgeblicher Gewerkschaftsfunktionär, aktiver und verfolgter Kämpfer gegen den Faschismus und nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1948 Obmann der Wiener GKK. Sohn Hugo begann das Medizinstudium in Wien, musste zum Militär einrücken, wurde mehrmals verwundet und konnte nach der Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft 1947 promovieren. Nach der Fachausbildung an der Semmelweisklinik wurde er 1961 Abteilungsvorstand für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wilhelminenspital. Schon 1924 gehörte er dem Verband Sozialistischer Mittelschüler an, ab 1929 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und ab 1947 der Sozialistischen Ärztevereinigung. Er setzte sich zunächst auf gewerkschaftlicher Ebene und später als Funktionär der Ärztevereinigung für die Anliegen der SpitalsärztInnen ein. Personelle Veränderungen in der Sozialistischen Fraktion des Wiener Stadtsenat im Jahr 1979 bewogen den überzeugten Sozialdemokraten dazu, aus der Partei und aus der Ärztevereinigung auszutreten. Er starb am 8. Dezember 1979.

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