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Aktuelle Ausgabe

Im Visier: Prävention "ÄrztInnen sind wichtige Kommunikatoren!"

Gesundheitspolitik

Im Rahmen der Konferenz "Gesundheitsförderung und Prävention - gleiche Chancen für alle?" im Renner-Institut betonte NR.Abg. Sabine Oberhauser die hohe gesundheitspolitische Relevanz des Themas.

 Die Expertenrunde war sich einig, dass gesundheitsfördernde Maßnahmen alle Lebensbereiche der Menschen erfassen müssen. Was auch durch das von Kimmo Leppo, dem ehemaligen Generaldirektor des Gesundheitsministeriums vorgestellte finnische Gesundheitsmodell (siehe Kasten) eindrucksvoll untermauert wurde. ANALYSE befragte den Sozialmediziner und Gesundheitswissenschaftler Univ. Prof. Dr. R. Horst Noack zum Thema und zur Rolle der Ärzteschaft in der Gesundheitsförderung.

Analyse (A.): Wie steht es um Gesundheitsförderung im weiteren Sinn in Österreich?

Prof. Noack (N.): Der Bereich der sekundären Prävention, also der Gesundheitsvorsorge im engeren Sinn, ist gesetzlich geregelt und etabliert. Die Primärprävention von chronischen Krankheiten, die gesundheitsfördernde Maßnahmen in allen Lebensbereichen umfasst, ist eine große gesundheitspolitische Herausforderung. Dank des Gesundheitsförderungsgesetzes von 1998 und dem Fonds Gesundes Österreich haben wir bessere Voraussetzungen als andere Länder, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern.

A.: Was braucht es für eine effiziente Gesundheitsförderung in Österreich?

N.: Es geht darum, durch möglichst breit angelegte Kampagnen, Projekte und Angebote ein umfassendes Gesundheitsbewusstsein in der Gesellschaft zu fördern. Dazu braucht es natürlich entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen und das Zusammenwirken öffentlicher Sektoren. Hier haben auch ÄrztInnen eine wichtige Aufgabe.
Als jüngstes Beispiel für eine nachhaltige primäre Prävention sei der Nichtraucherschutz erwähnt. Wir kennen die gesundheitlichen Risiken des Passivrauchens, trotzdem kommt es auf gesetzlicher Ebene offenbar wieder nur zu einem faulen Kompromiss.

A.: Den die ÄrztInnen ja auch nicht mittragen wollen. Welche Rolle kommt den MedizinInnern in der Bewusstseinsbildung zu?

N.: Die ÄrztInnen sollten aktiv als Anwälte der nichtrauchenden Mehrheit und als Kommunikatoren in Sachen Gesundheitsförderung agieren. Sie sollten bei der Formulierung von Gesundheitszielen mitwirken und sich für deren Umsetzung einsetzen. Sie können ihre berufliche Autorität nützen, um in Familien, Gemeinden, Schulen und Betrieben Bewusstseinsarbeit zu leisten.

A.: Das geht weit über die Krankenversorgung hinaus ...

N.:  Richtig. Vor allem PrimärmedizinerInnen sollten ihr Rollenverständnis überdenken und gegebenenfalls neu definieren. Ihre Kernaufgabe ist und bleibt die Krankenversorgung. Was wir zusätzlich brauchen ist ein aktiveres Eintreten der ÄrztInnen für die Gesundheit.

In der Gesundheitspolitik erscheint mir die Ärzteschaft zu passiv. Anders gesagt: Eine bevölkerungsweite Politik der Gesundheitsförderung kann den Sozialversicherungen zwar nicht helfen, aus den roten Zahlen heraus zu kommen. Eine solche Politik kann aber dazu beitragen, dass weniger Menschen ihren persönlichen Stress durch Rauchen, Alkoholkonsum oder ungesundes Ernährungsverhalten bewältigen.

A.: Handelt es sich hier also um ein weiteres Aufgabenfeld für AllgemeinmedizinerInnen?

N.: Nicht nur! Alle medizinischen Basisversorger, also auch KinderärztInnen, allgemeine InternistInnen oder FrauenärztInnen haben eine Schlüsselfunktion als Multiplikatoren einer effizienten Präventions- und Gesundheitsförderungspolitik.

A.: Wie könnten entsprechende Arbeitsaufgaben nun konkret aussehen?

N.: ÄrztInnen sind zum Beispiel als Mitträger und Akteure in gesundheitsfördernde Projekte in Schulen, Gemeinden oder Betriebe eingebunden. ArbeitsmedizinerInnen wirken neben ihren betriebsärztlichen Aufgaben in Mitarbeiterschulungen und Projekten zur betrieblichen Gesundheitsförderung mit, was zum Teil ja schon geschieht.

A.: Hier bedarf es neben dem erweiterten Rollenverständnis aber auch entsprechender Mittel ...

N.: Das ist - wie überall - ein Problem. Europaweit fließen derzeit laut OECD im Schnitt 0,3(!) Prozent des Gesundheitsbudgets in primäre Prävention und Gesundheitsförderung. In Österreich ist das vermutlich nicht anders. Langfristige Projekte einer umfassenden Gesundheitsförderung  sind politisch schwer realisierbar und nicht leicht finanzierbar. Auch wenn dadurch Einsparungen zu erwarten sind, wie ja nordische Systeme zeigen.

A.: Ihr Appell an die Ärzteschaft?

N.: Die ÄrztInnen sollten erkennen, dass Gesundheitsförderung ein ganz wesentlicher Teil ihrer Aufgabe ist und dass primäre Prävention letztlich weitaus effizienter sein kann als das ausschließliche Behandeln von Krankheiten. Gesundheitspolitik und Ärztevertretungen sollten nachhaltige Präventionsstrategien entwickeln, in die ÄrztInnen aktiv eingebunden sind. Die Verhältnisse nur 'gut zu reden’ reicht sicher nicht ...

A.: Wir danken für das Gespräch!

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