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NichtraucherInnenschutz: "Keine halbherzigen Lösungen!"
Prof. Dr. Thomas Szekeres, Vizepräsident der ÄKW

Gesundheitsreform: Interview Prof. Dr. Thomas Szekeres

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"Ich befürchte einen nachhaltigen Systemschaden!"
Die nun im Eilzugstempo in die Beschlussphase geführte Gesundheitsreform wird sich in vielfacher Hinsicht nachteilig auf die Ärzteschaft und ihre PatientInnen auswirken. Letztendlich sind nicht nur niedergelassene ÄrztInnen von den geplanten Änderungen betroffen, sondern auch die Spitäler und hier vor allem die Ambulanzen. ANALYSE bat Prof. Dr. Thomas Szekeres, Vizepräsident der ÄKW, zum Gespräch.

Analyse (A.): Inwieweit werden Spitäler die nun vorgesehenen Reformen im Gesundheitswesen zu spüren bekommen?
Prof. Szekeres (S.): Die geplante Reduktion der Kassenverträge wird zu einem Engpass führen. Die niedergelassene Ärzteschaft wird nicht mehr alle PatientInnen behandeln können, was zu einer noch höheren Frequenz der ohnehin schon überfüllten Spitalsambulanzen führen wird. Daraus entstehen - besonders in Wien - mit ¬Sicherheit Mehrkosten für die Spitäler.

A.: Dafür wird bei den verbliebenen niedergelassenen KollegInnen eingespart ...
S.: Der Druck auf die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte wird sich in Zukunft erhöhen. Es darf nicht sein, dass durch willkürlich gesetzte "Qualitätskriterien" der Verlust des Kassenvertrags angedroht wird. Auf keinen Fall werden wir "ökonomische Kriterien" akzeptieren, denn die Folge würde sein, dass chronisch Kranke oder TumorpatientInnen aus Kostengründen nicht mehr angenommen werden können. Diese finden sich dann wohl oder übel in den ohnehin überfüllten Spitälern oder beim teuren privaten Arzt wieder.

A.: Mit erleich¬terten Vertragskündigungen will man die steigenden Kosten im niedergelassenen Bereich in den Griff bekommen. Ein taugliches Mittel?
S.: Kaum. Abgesehen davon, dass die Kassen kein ausgabenseitiges sondern ein einnahmenseitiges Problem haben (die Kosten betragen seit 1998 zirka zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, siehe Kasten), droht im Bereich der KassenärztInnen eine allgemeine Reduktion der Leistungen. Wenn der Kassenvertrag nicht langfristig fix ist, werden sich hohe Investitionen nicht rechnen, außerdem werden die Banken diese nicht finanzieren. Die Ordinationen werden mit einem Minimum an technischen Einrichtungen ihr Auslangen finden müssen. Anspruchsvollere Behandlungen werden somit wieder in die Spitalsambulanzen bzw. in den privaten Bereich  ausgelagert.

A.: Warum keine Einzelverträge mit den Kassen?
S.: Die angekündigten Einzelverträge bei Dissens der Verhandlungspartner bedeuten ein uneingeschränktes Preisdiktat der Kassen ungeachtet der Bedürfnisse der PatientInnen. Überdies versuchen die Kassen Preisdumping zu betreiben, indem sie medizinische Großanbieter (siehe Beispiel Labordiagnostik S.7, Anm. d. Red.) favorisieren, während Einzelpraxen gekündigt werden. Also wieder unmittelbar nachhaltige Auswirkungen auf die Versorgungssituation besonders finanziell schlechter gestellter PatientInnen.

A.: Ist der niedergelassene Bereich unter diesen Umständen für junge MedizinerInnen überhaupt noch attraktiv?
S.: Ähnliches wie in Österreich geplant, ist in Deutschland schon Realität. Und zwar mit allen Konsequenzen: Es fehlen rund 5000 MedizinerInnen, ganze Landstriche sind inzwischen ohne Versorgung durch niedergelassene Ärzte, weil junge AbsolventInnen des Medizinstudiums nicht mehr in diesem Beruf  arbeiten wollen. Es ist ein künstlich herbeigeführter Ärztemangel entstanden, der nicht einmal durch die Beschäftigung osteuropäischer ÄrztInnen ausgeglichen werden kann. Die Verantwortlichen mussten inzwischen ihre Fehler eingestehen.

A.: Ein Warnsignal für uns?
S.: Ich denke schon. Die geplante Entsolidarisierung wird einen nachhaltigen Systemschaden verursachen. Hier wird ein hervorragend funktionierendes Gesundheitssystem aufs Spiel gesetzt, das im internationalen Vergleich übrigens nicht teuer ist. Der Abgang der Gebietskrankenkassen ist nur deshalb angestiegen, weil die Einnahmen der Kassen für PensionistInnen und Arbeitslose gesunken ist und ihnen die Mehrwertsteuer nicht adäquat ersetzt wird.

A.: Die Zeichen stehen offensichtlich auf Privatisierung des Systems, um die öffentliche Hand zu entlasten...
S.: Wozu eine Privatisierung des Gesundheitsbereichs  führt, ist in den USA ja deutlich zu erkennen. In Österreich beträgt der Anteil der Gesundheitskosten am BIP zirka zehn Prozent, in den USA gut fünfzehn Prozent. Rund fünfzig Millionen Menschen - vorwiegend Kinder und Ältere - sind nicht versichert und eine Vielzahl der Amerikaner ist unterversichert. Von flächendeckender Versorgung kann also nicht die Rede sein, gute Qualität gibt es nur zu gutem Preis. Aus meiner Sicht darf eine Gesundheitsreform keinesfalls zum Nachteil unserer PatientInnen und Patienten führen! Letztendlich kommt uns das alle teuer zu stehen.

A.: Wir danken für das Gespräch!

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