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Aktuelle Ausgabe

Meinung der anderen: Effizienzpotenziale im österreichischen Gesundheitswesen

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ANALYSE bat das Institut für Höhere Studien (IHS) um eine Stellungnahme zu Problemen des österreichischen Gesundheitswesens. Der folgende, auf aktuellen Studien basierende, Bericht des IHS zeigt eine umfassende Problemanalyse und Lösungsansätze, die teilweise nicht mit den Standpunkten der Sozialdemokratischen ÄrztInnen übereinstimmen, und daher als Diskussionsgrundlage zu verstehen sind.

Wesentliche Gründe für die mangelnde Effizienz im österreichischen Gesundheitswesen sind Intransparenz und Fragmentierung von Kompetenzen und Finanzmitteln, sowie die traditionell stark kurative Ausrichtung mit deutlicher Konzentration auf den intramuralen Sektor.

Ein "Bruttoeinsparungseffekt"

Effizienzstudien zur Identifikation von Einsparungspotentialen fokussieren meist nur auf den intramuralen Sektor, treffen zum Teil vereinfachende Annahmen und werden oft nicht richtig wiedergegeben. So müssen auch die vom Rechnungshof kolportierten 2,9 Mrd. Euro Einsparungspotential relativiert werden. Bereits im Rechnungshofbericht beziffert dieser Betrag einen "Bruttoeinsparungseffekt", welcher zwar eine Angleichung der österreichischen Bettendichte auf europäisches Durchschnittsniveau vorsieht, aber davon ausgeht, dass im Krankenanstaltenbereich einzusparende Mittel dann in anderen Behandlungssettings benötigt werden. So müssten Ausgaben für den Ausbau von ambulanter Versorgung und stationärer wie ambulanter Pflege sowie für Präventionsmaßnahmen in Rechnung gebracht werden, sodass sich das tatsächliche Einsparungspotential deutlich verringern würde. Weiters nimmt eine derartige Berechnung keine Rücksicht auf die unterschiedlichen Gesundheitssysteme in Europa bzw. stellt sich nicht die Frage, ob eine Bettendichte auf Durchschnittsniveau überhaupt optimal ist.

Zudem ist es u.E. unwahrscheinlich, dass sich eine Angleichung der Bettendichte in aliquoten Einsparungen im Krankenanstaltenbereich niederschlägt. Beispielsweise dürften bei geringerer Bettendichte tendenziell "leichtere" und damit weniger ressourcenintensive Fälle in den ambulanten Bereich transferiert werden. Gleichbleibende oder höhere Kosten in Krankenanstalten könnten die Folge sein - zusätzliche Ressourcen müssten im ambulanten Bereich bereitgestellt werden.

Maßnahmen: Finanzierung

Reformen im österreichischen Gesundheitssystem sollten sich zuerst auf die Seite der Finanzierung (Steuerung und Mittelaufbringung) konzentrieren:
Erst wenn die unterschiedlichen Financiers der einzelnen Sektoren (Krankenhaus, spitals-ambulanter bzw. niedergelassener Bereich) nicht mehr "konkurrieren", lassen sich Reformen auf Seiten der Leistungserbringer nachhaltig umsetzen. Eine Zusammenführung der Steuer- und Beitragsmittel für den intra- und extramuralen Bereich bei der sozialen Krankenversicherung unter Berücksichtigung von Zielvorgaben durch Bund, Länder und Gemeinden erscheint sinnvoll, da die Sozialversicherung als Anwalt der Versicherten über die adäquaten Mittel und das notwendige Wissen verfügt; sie hat auch schon in der Vergangenheit verstanden erfolgreiche Kostendämpfungsmaßnahmen im extramuralen Sektor zu setzen.

Liegt die Steuerung in "einer Hand", können intra- und extramuraler Sektor optimiert und in sinnvoller qualitätssteigender und zugleich kostensparender Art und Weise aufeinander abgestimmt werden: Von zentraler Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die Weiterentwicklung des bestehenden leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierungssystems (LKF-System) von einem kostenorientierten hin zu einem österreichweit einheitlichen, transparenten und vor allem kostendeckenden Finanzierungssystem. Dadurch kann eine höhere Kostenkontrolle sowie Kostentransparenz erzielt und die Betriebsabgänge von Krankenanstalten minimiert werden. Eine Ausweitung der leistungsgerechten Abgeltung auf den spitals-ambulanten Bereich sollte flächendeckend verwirklicht werden. Im extramuralen Bereich wäre eine Vereinheitlichung der Honorarordnungen der Vertragsärzte wünschenswert, um für mehr Transparenz zu sorgen. Auch die Kooperation zwischen Haus- und FachärztInnen und Spitalsambulanzen könnte gesteigert werden indem beispielsweise praktische Ärztinnen und Ärzte aktiver die Aufgabe übernehmen, PatientInnen besser durch die Versorgung außerhalb der Spitäler zu lotsen.

Im Kontext der Mittelaufbringung müssen die finanziellen Schwierigkeiten bestimmter Sozialversicherungsträger auch im Lichte der unterschiedlichen Versichertenstruktur der Kassen, regional unterschiedlicher Krankheitslasten sowie Niederlassungspräferenzen von ÄrztInnen gesehen werden. Kurzfristig könnte zur Entlastung der Sozialversicherungsträger die Finanzierung der privat-gewinnorientierten Krankenanstalten via PRIKRAF überdacht werden. Gegenwärtig wird der PRIKRAF mit rund 80 Mio. Euro aus der sozialen Krankenversicherung gespeist.

Maßnahmen: Leistungserbringung

Aus gesundheitsökonomischem Gesichtspunkt gilt, dass PatientInnen in genau jenem Setting zu behandeln sind, welches die für ihren Fall adäquate Leistung bei niedrigsten Kosten anbieten kann. In Österreich müssen vermehrt Settings zwischen den beiden Extrema - niedergelassene Einzelpraxis und Krankenhaus mit angeschlossener Ambulanz - angedacht und enttabuisiert werden. Unter bestehenden Versorgungsbedingungen sollte der Auf- und Ausbau von Gruppenpraxen forciert werden. Die Bedarfsfeststellung sollte gemeinsam von Sozialversicherung und Ärztekammer gemäß dem Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) und den regionalen Strukturplänen (RSG) festgelegt werden. In den Strukturplänen muss darüber hinaus verbindlich festgelegt werden, welche Leistungen wo angeboten werden, sowie ob Über-/Unterkapazitäten in der fachärztlichen Versorgung oder bei Großgeräten vorhanden sind.

Durch integrierte Versorgungsmodelle und verstärktes Case Management könnte ebenfalls eine Lücke zwischen intra- und extramuralem Sektor bis hin zum Pflegesektor geschlossen werden. Der "Reformpool" bietet zwar die Möglichkeit derartige Projekte zu verwirklichen, jedoch fehlte bis dato fix budgetiertes Geld dafür, sodass viele Ideen auf der Strecke blieben. Die aktuelle § 15a-Vereinbarung über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens spricht davon "die erforderlichen Mittel für Reformpoolprojekte vorzusehen". Ist dies dahingehend zu verstehen, dass die Mittel real zu budgetieren sind und somit dediziert Geld zur Verfügung steht, steigert dies den Anreiz für mehr Projekte. Kritisierenswert ist jedoch in diesem Zusammenhang, dass laut aktueller Vereinbarung die Nennung des konkret vorzusehenden Volumens für Reformpoolprojekte vollständig ausgespart wurde. Es ist zu befürchten, dass die begrenzten Gelder wieder primär zur Deckung des laufenden Betriebs im intramuralen Sektor verwendet werden. 

Eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen von Modellen zur integrierten Versorgung ist der Ausbau von e-health, wie beispielsweise die Umsetzung einer durchgängigen EDV-gestützten Dokumentation zur Vernetzung von Arztpraxen, Spitälern und Apotheken - in Kombination mit der zügigen Verwirklichung der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA). Internationale Vergleiche zeigen auch, dass Österreich im Bereich Gesundheits- und Patienteninformation, z. B. über Internetportale noch Aufholbedarf hat.

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