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Prof. Dr. Thomas Szekeres Prof. Dr. Thomas Szekeres

Gerichtsmedizin | Das Ende der Wiener Gerichtsmedizin?

Universität aktuell I

Die jährlich rund 1500 sanitätsbehördlichen Obduktionen der Gemeinde Wien werden seit 1. September auf Empfehlung des Rechnungshofes (RH) nicht mehr am Institut für Gerichtsmedizin der MUW sondern an den pathologischen Instituten des KAV durchgeführt. Und weil ab 1.1.2008 die Obduktionsräumlichkeiten wegen baulichen Mängeln geschlossen werden sollen, werden auch die rund 500 gerichtlichen Obduktionen nicht mehr am Institut durchgeführt werden können.

Gesetz ausgereizt.
Die Neuregelung bedeutet de facto das Ende der Wiener Gerichtsmedizin. Die Ursache für diesen gravierenden Schritt liegt in der Vergangenheit. GerichtsmedizinerInnen haben das Institut genützt, um ihre privaten Gutachten zu erstellen und von den lukrierten Honoraren 15 Prozent abgegeben. Sie haben damit allerdings nicht illegal gehandelt. Inzwischen gibt es auch eine klare und faire Regelung zwischen MUW und Gutachtern.
Die Verantwortlichen in der Stadt Wien und an der Universität Wien argumentieren die Auslagerung der Obduktionen in KAV Spitäler mit der Empfehlung des RH und damit, dass für Lehre und Forschung in Wien kein Institut mit Obduktionsmöglichkeit nötig sei. Die Stadt Wien bekräftigt, dass sanitätspolizeiliche Obduktionen auch ausschließlich an den KAV Spitälern durchgeführt werden könnten.
Versorgung unsicher.
Es besteht in Zukunft nicht nur die Gefahr, dass Obduktionen zur Aufklärung von Verbrechen weniger häufig (die sanitätspolizeilichen Obduktionen wurden auf ein Minimum zurückgefahren) sondern auch durch weniger kompetente KollegenInnen durchgeführt werden müssen. Viele PathologInnen fühlen sich fachlich nicht in der Lage, die Aufgaben der Gerichtsmediziner adäquat zu übernehmen und befürchten fahrlässig zu agieren. Private Gerichtsmediziner wiederum müssen sich für die Durchführung gerichtlicher Obduktionen an den Pathologien der KAV Spitäler einmieten, wobei fraglich ist, ob diese dafür geeignet sind und deren Kapazität ausreicht.
Keiner will zahlen.
In Anbetracht des Wegfalles der sanitätspolizeilichen Obduktionen beabsichtigt die MUW nun die längst sanierungsbedürftigen Seziersäle wegen mangelnden Bedarfs nicht mehr erneuern zu lassen und den Sezierbetrieb mit 1.1.2008 gänzlich einzustellen. Der Grund: Weder die Stadt Wien, noch das Justizministerium oder das Innenministerium will für die Erneuerung des Institutsgebäudes zuständig sein. Das endgültige Aus für die gerichtsmedizinischen Obduktionen steht also an.
Ich erachte den Fortbestand der Gerichtsmedizin in Wien allerdings als notwendig und fürchte negative Folgen für die Krankheitsstatistik, die Erkennung von Krankheiten und vor allem für die Aufklärung von Verbrechen. Die Frage, wo und durch wen gerichtliche Obduktionen ab 2008 durchgeführt werden sollen, ist ungeklärt.
Ein Institut, das unter Maria Theresia und Van Swieten gegründet wurde, wird nun ohne Ersatz zu schaffen, de facto aufgelöst. Vermutlich zu spät werden auch unsere Politiker erkennen müssen, dass Ostösterreich ein Gerichtsmedizinisches Institut benötigt.

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