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Tarifverhandlungen: Systemerhaltung ist keine Option mehr!

Ärztekammer Wien II

Mitte September wurde der neue Tarifkatalog mit den Forderungen der ÄrztInnen an die Gebietskrankenkasse (GKK) weitergeleitet. Die Voraussetzungen für die herbstliche Verhandlungsrunde sind denkbar schlecht: einerseits aufgrund der schwachen Finanzlage der GKK und andererseits aufgrund einer momentan laufenden Prüfung der GKK durch den Rechnungshof. Beides beeinträchtigt die Verhandlungsposition der Ärztevertretung.

Faktor Zeit unbeachtet.
Neben Dauerbrennern, wie Bürokratieabbau für alle niedergelassenen ÄrztInnen und die durch die e-card dringend notwendig gewordene Aufwertung der Allgemeinmedizin, geht es vor allem darum, dass unsere Leistungen zu 100 Prozent abgegolten werden müssen. Der Faktor Zeit wird in der Praxis derzeit nicht honoriert. Ob es sich um lange Patientengespräche, Hausbesuche, telefonische Anfragen oder den bei PatientInnen immer beliebteren E-Mail-Verkehr handelt, der dadurch entstehende Zeitaufwand findet keinen finanziellen Niederschlag im ärztlichen Honorar.

Neue Anforderungen.
Wollen wir weiterhin Medizin am aktuellen Stand der Forschung anbieten, so müssen Ordinationen entsprechend ausgestattet sein. Ein Facharzt für innere Medizin kommt nicht mehr mit Stethoskop, EKG und Blutdruckmessgerät über die Runden. Will er seinen PatientInnen eine profunde Diagnose und Behandlung bieten, wird er Echokardiogramm, Gastroskopie und Coloskopie, um nur einige Beispiele zu nennen, einsetzen müssen. Die Honorare der GKK tragen diesem Trend nicht Rechnung, die Leistungskataloge müssen dringend an die Anforderungen der modernen Medizin angepasst werden.
Auslagerungen vom Spitals- in den niedergelassenen Bereich, wie von Ministerin Kdolsky angedacht, können nur mit einer entsprechenden finanziellen Umschichtung einhergehen.
Die Gründung der gern gesehenen GmbHs muss vor arztfremden Firmenbeteiligungen abgeschirmt und rechtlich mit der GKK abgeklärt werden. Derzeit dürfen Vertragspartner ihre medizinische Leistung nicht delegieren.

Enges Korsett sprengen.
Die engen Grenzen innerhalb des Vertragsverhältnisses mit der GKK schränken die ärztliche Tätigkeit mitunter beträchtlich ein bzw. hungern sie sogar aus. Zwei Beispiele können dies deutlich machen:
Otoakustische Emissionen (OAE) zur Erkennung frühkindlicher Hörstörungen werden vom Wiener AKH aus Personalmangel nicht mehr angeboten. Niedergelassene HNO-ÄrztInnen bieten die Untersuchungen an (das entsprechende Gerät kostet 7500 Euro), bekommen aber nichts dafür bezahlt. Es ist dafür kein Leistungskatalog vorgesehen. Neue Vorschriften für Physikalische Mediziner, nach denen nur noch ein Bruchteil der Behandlungen in einer Therapie bewilligt werden, führen nicht nur zu enormen Leistungskürzungen für die PatientInnen sondern auch 18 der in Wien ansässigen Physikalischen Institute schnurstracks in die Insolvenz.
Die Ärzteschaft überlegt nun ernsthaft den Aus- bzw. Umstieg aus diesem unerträglich gewordenen Vertragsverhältnis mit der GKK und denkt nicht zuletzt auch an patientenfreundliche, also regional angesetzte Streikaktionen. Schließlich wäre es durchaus möglich, dass die PatientInnen direkt mit der Krankenkasse abrechnen und die ÄrztInnen als freie UnternehmerInnen tätig sind. In jedem Fall ist das derzeitige System auf Dauer nicht haltbar. Ob und welche Neuformen der Zusammenarbeit mit der GKK gefunden werden, ist offen, aber für ÄrztekammervertreterInnen ist die Systemerhaltung keine Option mehr - damit kann man den KollegInnen nichts Gutes tun.

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