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Dr. Kurt Steyrer

Dr. Kurt Steyrer

Wir trauern um einen großen Humanisten

Es war der 17. Mai 2007. Kurt Steyrer verabschiedete sich nach einer schönen gemeinsamen Korsika - Sardinienreise am Schwechater Flughafen mit den Worten: Lieber Ermar, das war meine letzte Reise!" Leider hatte er recht. Er starb zwei Monate später, am 16. Juli 2007 an den Folgen einer Speiseröhrenerkrankung. Bis dahin waren es qualvolle Wochen. Am 25. Juli 2007 versammelte sich eine große Trauergemeinde mit vielen prominenten Persönlichkeiten zum Abschiednehmen in der Simmeringer Feuerhalle. Alle blickten betroffen auf den Sarg des Verstorbenen und hörten mit tiefer Anteilnahme die Traueransprachen von Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Alfred Gusenbauer. Es war ein würdevoller Abschied von einem ganz lieben Menschen.

Karge Kinderzeit.

Kurt Steyrer stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Seine Mutter war Fabrikarbeiterin in der Kleinmünchner Spinnerei und hatte drei Kinder. Deren Vater, Dr. Guido Gruber, war Chemiker und Sohn des Bürgermeisters von Linz. Kurt wurde als zweites Kind am 3. Juni 1920 in Linz geboren. Die Mutter lebte mit ihren Kindern im Eckhof, einem Vierkanthof, der zum Teil ein Gutshof war und zur anderen Hälfte eine Proletariersiedlung. Dort wuchsen sie in einer Einzimmerwohnung auf. Kurt musste mit seinem kleinen Bruder in einem Bett schlafen. Sein Lehrer in der Schule von Kleinmünchen stellte fest, dass Kurt sehr talentiert war und eigentlich studieren sollte. Daraufhin übersiedelte seine Mutter nach Linz und wurde Hausbesorgerin im Haus seines Großvaters, dem Bürgermeister von Linz in den Jahren 1930 bis 1934. Sie machte Bedienungen und arbeitete zusätzlich als Wäscherin. In die Unruhen des 12. Februar 1934 verwickelt, wurde sein Vater zu zwei Jahren Kerker und sein Bruder zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Sein Bruder ging im Jahr 1936 nach Ausbruch des Bürgerkriegs nach Spanien und kämpfte in der internationalen Brigade. Er wurde dann in Frankreich interniert und von den Deutschen ins Konzentrationslager Flossenburg gebracht. Er überlebte auch einen weiteren Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau.

Kurt Steyrer besuchte das Realgymnasium in Linz und maturierte mit Auszeichnung im Jahr 1938. Anschließend musste er zum Arbeitsdienst und zur Luftwaffe einrücken. Er hatte die Möglichkeit, in Wien das Medizinstudium zu beginnen und nach einem Fronteinsatz in Russland im Jahr 1943 in Prag fortzusetzen, wo er am 10. April 1945 promovierte. Am 29. Mai 1945 wurde er aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Er heiratete im Jahr 1946. Seine Frau Johanna, geborene Brunner, schenkte ihm zwei Söhne, Kurt und Michael, die als erfolgreiche Dermatologen in Wien wirken. Die Verlobung fand bereits im Jahr 1940 statt. Er freute sich über fünf Enkelkinder.
Vom begabten Schüler zum engagierten Mediziner.

Bei Prim. Dr. Freund in der Rudolfstiftung erhielt er seine Ausbildung zum Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Die Facharztanerkennung erfolgte im Jahr 1950. Danach wurde er Ambulatoriumsarzt in der Wiener Gebietskrankenkasse und eröffnete 1951 seine Facharztpraxis im dritten Wiener Gemeindebezirk. Seine medizinische Tätigkeit ergänzte er als Betriebsarzt der Simmering-Graz-Pauker-Werke in den Jahren 1952 bis 1981. Im Jahr 1965 erhielt er den Berufstitel Medizinalrat und im Jahr 1975 wurde er zum Obermedizinalrat ernannt. Die Stadt Wien ehrte ihn mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien.
Seine politische Tätigkeit begann im Jahr 1946 als Mitglied der SPÖ, der Sozialdemokratischen Ärztevereinigung und als Funktionär der Wiener Ärztekammer. Bereits in diesem Jahr wurde Kurt Steyrer als Gründungsmitglied zum Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen Ärztevereinigung gewählt, war von 1963 bis 1968 Vorsitzender und anschließend Ehrenvorsitzender. Wegen seiner idealistischen Auffassung von Demokratie und Sozialdemokratie hatte er Schwierigkeiten mit den führenden Spitzenleuten im BSA und in der SPÖ.

Aktiver Standesvertreter.

Bald erwarb er sich das Ansehen und Vertrauen der JungärztInnen. Sowohl als Vertreter der Ärztekammer als auch als Funktionär der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten konnte er gemeinsam mit den Vertretern der anderen Fraktionen für die TurnusärztInnen die Nachtdienstzulage, eine Gefahrenzulage und 200 neue Aspirantenstellen erkämpfen. Er war maßgeblich an der Ausarbeitung des Ärztegesetzes 1949 und des sog. "Wiener Programms" beteiligt, das eine wesentliche Verbesserung der Situation der KassenärztInnen zur Folge hatte. Auch als Facharzt übte er in der Ärztekammer wichtige Funktionen aus. So war er Vorstandsmitglied, Mitglied des Überprüfungsausschusses des Versorgungsfonds, Mitglied des Schlichtungsausschusses und Mitglied der Disziplinarkommission. Die Treuepension haben die VertragsärztInnen ihm alleine zu verdanken. Seine guten Kontakte zu den Ministerien und zur Gemeinde Wien ermöglichten es ihm, viele Verbesserungen für alle ÄrztInnen zu erreichen. Bei allen seinen Bemühungen um die Ärzteschaft, aber auch um einzelne KollegInnen, lehnte er ein engstirniges, parteipolitisches Handeln ab. Er war für alle ÄrztInnen da.
Von 1964 bis 1983 war Kurt Steyrer ordentliches Mitglied des Wiener Landessanitätsrates. Seine standespolitischen und gewerkschaftlichen Erfolge, sein großes Interesse an der Gesundheitspolitik und die große Fähigkeit Menschen zu überzeugen und für eine Idee zu begeistern, veranlassten den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, Kurt Steyrer als Abgeordneten zum Nationalrat zu nominieren. Auch wurde er Mitglied des Bundesparteivorstands. In seiner Parlamentszeit von 1975 bis 1983 lernten ihn sowohl die Bevölkerung als auch die Politiker aller Fraktionen als einen echten Volksvertreter mit Charakter und Sachkenntnissen kennen. Die freie Rede war seine Stärke. Seine Ansprachen waren kurz und klar verständlich. Er konnte als Gesundheitssprecher der Sozialdemokratischen Partei zu allen wichtigen gesundheitspolitischen Fragen Stellung nehmen, mitwirken an der Gestaltung neuer Gesundheitsgesetze und nicht selten negative Entwicklungen verhindern. Sein Bekanntheitsgrad wuchs auch in der Bevölkerung.

Vollblutpolitiker.

So war es keinesfalls überraschend, dass ihn Bundeskanzler Bruno Kreisky 1981 zum Bundesminister für Gesundheit und Umweltschutz ernannte. In seiner fünfjährigen Amtsperiode hat Kurt Steyrer sehr viel für Österreich geleistet und gesetzliche Maßnahmen getroffen, die heute als Selbstverständlichkeit empfunden werden und Österreich zu einem Land mit zukunftsweisender Gesundheits- und Umweltpolitik machten. Viele seiner neuen Gesetze und Novellen zu bestehenden Gesetzen werden den heutigen Anforderungen noch gerecht, gesetzliche Regelungen, um die uns andere Staaten beneiden. Eine komplette Aufzählung der legistischen Maßnahmen ist kaum möglich. Zu den wichtigsten zählen das Organtransplantationsgesetz und das Gesetz über die Gurten- und Sturzhelmpflicht. Eine lange Reihe von neuen Gesetzen und Novellen zu bestehenden Gesetzen, wie zum Beispiel die rasche Reduktion des Bleigehalts im Benzin, die Reduktion des Schwefelgehalts in allen Heizölsorten und Diesel, das Waschmittelgesetz, die Abgasnorm 1983 mit Katalysatorregelung, bleifreies Benzin an allen Tankstellen als erstes Land in Europa, der Verfassungsrang der Umwelt, die Gründung des Bundesumweltamtes, der Umweltunterricht in den Schulen, die Novelle zum Ärztegesetz mit Lehrpraxen, das Apothekengesetz (Hausapotheken) und der "Konrad-Lorenz-Umweltpreis", machte ihn zum bedeutendsten Gesundheitsminister nach Ingrid Leodolter.
Der Höhepunkt seines politischen Wirkens war die Bundespräsidentenwahl 1986. Am 26. Oktober 1985 wurde er von der Sozialdemokratischen Partei Österreichs als ihr Kandidat vorgeschlagen. Bei den Wahlgängen am 4. Mai 1986 und am 8. Juni 1986 konnte er sich mit einem Stimmenanteil von 46,1 Prozent gegen den Kandidaten der Österreichischen Volkspartei, Kurt Waldheim, nicht durchsetzen. Er wäre ein gutes und humanes Staatsoberhaupt für alle MitbürgerInnen geworden und hätte dem internationalen Ansehen Österreichs nicht geschadet. In seiner Geburtsstadt Linz erhielt er 60,12 Prozent der abgegebenen Stimmen. Er bekam den Ehrenring der Stadt Linz.

Sport und Reisen im Alter.

Als Gemeinderat der Stadt Wien (1987 bis 1988) beendete er seine politische Laufbahn. Trotzdem wurden ihm weiterhin viele mit Alter und Ehre verbundene Funktionen übertragen, so beim BSA, im ARBÖ, bei Pensionistenorganisationen oder Sportvereinen. Er blieb ein gesuchter Redner, und man konnte ihn bei fast allen wichtigen parteipolitischen Veranstaltungen antreffen. Er blieb ein Großmeister der Bescheidenheit, er benützte am liebsten die öffentlichen Verkehrsmittel, wohnte weiterhin in seiner Gemeindewohnung im 3. Wiener Gemeindebezirk, blieb seinen Freunden treu, war für jedermann zu sprechen und half, wo er konnte. Die vielen Ehrungen und Auszeichnungen beeindruckten ihn nicht sehr.

Es war nie Kurt Steyrers Bestreben, sich in den Vordergrund zu stellen. Er wurde von den Sozialdemokratischen ÄrztInnen und von der Sozialdemokratischen Partei in seine Funktionen wegen seiner vielen überdurchschnittlichen Fähigkeiten gedrängt. Wurde ihm eine Aufgabe übertragen, dann setzte er ohne Rücksicht auf seinen Beruf und seine Familie sein großes Wissen und seine unerschöpfliche Arbeitskraft vorbehaltlos ein. Er war ein guter Tennisspieler und fuhr gerne mit dem Rad. Seine besondere Liebe galt dem Schisport. Einige schwere Krankheiten machten ihm schwer zu schaffen. Es gab mehrere kritische Situationen in seinem Leben. Seine sportliche Konstitution half ihm, diese gesundheitlichen Krisen zu überwinden.
Das letzte Lebensjahrzehnt war geprägt durch viele Reisen. Es war ein eisiger Schneesturm am Nordkap. Man konnte das schützende Haus kaum verlassen. Um Mitternacht zog er seinen Anorak an, verließ unseren Speiseraum und kämpfte sich allein zum Nordkap vor. Er war stolz auf sich, die rauen Elemente der Natur besiegt zu haben. Er und Johanna machten noch viele schöne Reisen mit einem netten Freundeskreis. Besonders beeindruckt war er von der Insel Zypern und von dem Kulturland Thüringen. Wir hatten noch viele Reisepläne.

Lebensmotto: Gerechtigkeit.

Kurt Steyrer zählt zu den bekanntesten Ärzten Österreichs. Die harmonischen Sitzungen mit den Landessanitätsdirektoren hatten das gemeinsame Ziel, das Gesundheitswesen in Österreich zu verbessern. Auch die Sanitätsbeamten des Ministeriums und alle seine Mitarbeiter standen ihm treu zur Seite. Er war kein Angst auslösender, polternder Chef. Die Beamtenebene war die Basis seines erfolgreichen Wirkens. Wegen seines guten Aussehens, seiner Schlagfertigkeit und seiner großen Beliebtheit hatte er nicht immer die Sympathien seiner politischen KollegInnen. Ohne Zweifel war er der ideale Gesundheits- und Umweltminister, dem es hätte gelingen können, Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessensgruppen zu schaffen und allen StaatsbürgerInnen gleiches Recht auf Gesundheit zu ermöglichen. Kurt Steyrer schmerzten die vielen restriktiven Maßnahmen im aktuellen Gesundheitswesen. Auch die zunehmende Polarisierung von arm und reich sowie die Profitmaximierung auf Kosten der Kranken widersprachen seiner Weltanschauung.

Mit Kurt Steyrer verlieren wir einen Humanisten, eine großartige Persönlichkeit und einen Idealisten, der jederzeit bereit war, für eine Idee zu kämpfen, seinen MitbürgerInnen zu helfen und für die Allgemeinheit unermüdlich zu arbeiten. Er war ein guter Arzt, ein überzeugter Österreicher und aufrichtiger Sozialdemokrat. Er kannte keine Feindschaft. Freundschaft war für ihn ein heiliges Wort.

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