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Aktuelle Ausgabe
OSR Prim. Dr. Ludwig Kaspar

Gesundheit & Markt

Ein asymmetrisches Verhältnis!

Europa soll bis zum Jahr 2010 laut Lissabon-Strategie der bedeutendste Wettbewerbsraum werden. Die entsprechenden Liberalisierungs- und Privati­sierungstendenzen sind bekannt. Für das Gesundheitswesen ist jedoch die Erkenntnis wesent­lich, dass es nicht nach den Gesetzen des freien Marktes funktionieren kann. Eine klare Analyse dieser Problematik gelang Experten der London School of Economics.

Ein Vergleich der Gesundheitsausgaben pro Kopf mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ergibt in den westlichen Industriestaaten eine deutliche Korrelation von 90%. Reiche Länder geben also entsprechend viel Geld für das Gesundheitswesen aus. Vergleicht man jedoch das BIP pro Kopf mit der Lebenserwartung der Menschen, so sinkt die Korrelation auf 60%. Hohe Investitionen ins Gesundheitssystem erhöhen die Lebenserwartung der Menschen also nicht entsprechend. Diese Ineffizienz veranschaulicht das Beispiel USA:

Im Jahr 2002 betrugen die Gesundheitsausgaben in den USA pro Kopf 5.267 $. Kanada gab im selben Zeitraum pro Kopf 2.931 $ aus. Den­noch ha­ben die USA geringere Lebenserwartung und höhere Säuglingssterblich­keit als Kanada.
Der Markt funktioniert eben nur optimal, wenn unter ande­rem symmetrische Information zwischen Anbieter und Nachfrager vorhanden ist.

Im Gesundheitswesen herrscht aber zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer ein asymme­trisches Informationsverhältnis. So werden die eigentlichen Auftragnehmer, die ÄrztInnen, durch ihren Informationsvorsprung, was das Angebot der Behandlung betrifft, zu Auftraggebern.

Auch zwischen Spital und ÄrztInnen gibt es kein symmetrisches Verhältnis. Als AuftragnehmerIn des Krankenhauses trifft er/sie die Auswahl an diagnostischen und therapeutischen Mög­lichkeiten. We­der für den Krankenhausträger noch für die Patienten sind diese Auswahlmöglichkeiten direkt beeinflussbar. Das Ergebnis der Behandlung ist komplex und unsicher. Es gibt kein 1:1-Verhältnis zwischen Behandlung (Input) und Gesundheitszustand (Output) nach marktwirtschaftlichen Gesetzen.

Asymmetrische Information herrscht letztendlich auch zwischen Versicherung und Versichertem, weil auch hier keine Ausgewogenheit zwischen der Leistung der Versicherung (Input) und dem Gesundheitszustand der PatientInnen (Output) zu erwarten ist.

Beachtenswert ist die Tatsache der angebotinduzierten Nachfrage im Gesundheitswesen. Vergleichende Studien in den USA zeigen, dass die Operationsfrequenz von Tonsillektomien vor allem von der Anzahl der zur Verfügung stehenden HNO-ÄrztInnen und HNO-Betten bestimmt wird. Der Markt ermöglicht eben nur unter bestimmten Bedingungen eine perfekte Allokation der Ressourcen.

Letztendlich zeichnet sich das Ge­sundheits­we­sen durch sehr hohe Ar­beits­intensität (ca. 70% Personalkosten) aus. Es gibt keine 1:1-Relation zwischen In­put von Arbeitskraft und Output von Gesundheitsleistung, die Gesundheits­arbeit ist somit nicht markttauglich.

Will man planerisch in den nicht funktionierenden Gesundheitsmarkt eingreifen, so muss dies über die Angebotseite passieren, weil die Nachfrage unelastisch ist und ein asymmetrisches Informationsverhältnis herrscht,  weswegen auch Selbstbehalte nicht zielführend sind. Das finanzielle Risiko muss zum Anbie­ter gebracht sowie Quantität und Qualität vorgegeben werden.

OSR Prim. Dr. Ludwig Kaspar
Bereichsleiter für Kooperation von Einrichtungen des Wiener Gesundheitswesen und der EU

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