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Aktuelle Ausgabe
Im Gespräch: Dr. Roland Paukner

Geriatriezentren des KAV

Pflegefall oder Zukunftsmodell?

Die großen Pflegeeinrichtungen und Geriatriezentren der Stadt Wien wurden im Zuge der Umstrukturierung des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) zu einer eigenständigen Teilunternehmung (TU 4) zusammengefasst. Die Hauptziele dieser neuen Teil­unternehmung sind vor allem Effizienzsteigerung und Kostenminimierung, um am Markt und in Konkurrenz mit den privaten Anbietern bestehen zu können. Die hohen Qualitätsstandards sollen dabei aber nicht verloren gehen. Eine Aufgabe, so möchte man meinen, die der Quadratur des Kreises sehr nahe kommt. Wäre da nicht der seit April des Jahres amtierende Direktor der TU 4 Roland Paukner mit seinem Team ...

Dr. Sabine Oberhauser: Was hat dich bewogen, dieses doch "schwierige Kind" des KAV zu übernehmen?

Dr. Roland Paukner: Ich bin bei meiner täglichen Arbeit als praktischer Arzt oft an die Grenzen des Systems gestoßen. Jetzt will ich die Chance nützen, ein Stück des Systems mitzugestalten und zu verbessern. Die endgültige Entscheidung, die Leitung der Teil­unternehmung 4 zu übernehmen, war nicht leicht. Sie erfolgte im Gespräch mit Freunden. Man hat mir geraten: "Überleg? dir, wie es ist, wenn du es nicht machst!" Das war der Auslöser dafür, ja zu sagen. Ich habe immer den Mund aufgerissen und mich eingemischt. Als Praktischer Arzt kann ich wenig verändern. Als Direktor der TU 4 versuche ich nun eine Brücke an der Schnitt­stelle zwischen Medizin und dem sozialen Bereich zu schaffen.

Dr. Sabine Oberhauser (O.): Seit sechs Wochen bist du im Amt. Es gibt ein neues Heimgesetz, eine relativ gute Struktur aber auch Ängste. Spürst du davon etwas?

P.: Nach dem Vorfall im Geria­triezentrum Am Wienerwald ist es zu einem Stillstand gekommen, der noch nicht überwunden ist. Manches wurde entschieden, anderes nicht - das verunsichert die Menschen. Wir brauchen endlich  einen Gesamtplan für die Umstrukturierung, denn ohne Plan gibt es kein Geld von der Stadt Wien. Im Moment sind wir noch mit Da­ten erheben und Finanzierungsfragen beschäftigt. Das neue Gesetz lässt relativ viel Spielraum: Es schreibt nur Mindeststandards vor. Es hin­dert uns niemand daran, mehr als vorgesehen zu machen.

O.: Gibt es schon Strategien zu Problemlösungen?

P.: Gleich zum Einstieg habe ich mit meinem im Moment noch sehr
kleinen Team ein Projekt gestar­tet, das Antwort auf grundsätzliche Fragen bringen soll:  Wie viel krankenhausähnlichen Hintergrund brauchen wir in unseren Ge­riatriezentren und wie hoch ist der reine Pflegebedarf?
Wir wollen beide Bereiche mitei­nander verschränken, so dass der Pflegebereich vom medizinisch gewichteten Bereich mitbetreut werden kann. Bis zum Sommer wollen wir entsprechende Vorschläge erarbeiten.

O.: Gibt es im Vergleich mit Privatanbietern Einsparungsmöglichkeiten?  Übt die Stadt Wien entsprechenden Druck aus?

P.: Das ist eine Frage der Kostenwahrheit. Diese Frage wurde bislang nicht ausreichend diskutiert. Es werden bloß Äpfel mit Birnen verglichen. Wenn man den Tagsatz zwischen Wien und anderen Trägern vergleicht, ist Wien teurer. Aber auf der Stadt Wien und da­mit auch auf uns lasten enorme Kosten, wie zum Beispiel die gesamte Verwaltung der Gemeinde und die Pensionskassa, die ein Privater nicht zu tragen hat. Deshalb sind die Kosten nicht vergleichbar.

O.: Warum ist die Kostenberechnung so kompliziert und welche Rolle spielen dabei die Verwaltungskosten?

P.: Viele Teile der Verwaltung werden auch in der Stadt Wien noch immer nach der Kameralistik berechnet und nicht nach der Doppik, wo ich die Möglichkeit hätte, mit privaten Unternehmen Vergleiche anzustellen. Deshalb müssen wir vieles umrechnen, um Kostenwahrheit zu erlangen. In manchen Bereichen sind das reine Bewertungsfragen, wie gerechnet wird. Deshalb bin ich durchaus noch vorsichtig mit der Behauptung, wir wären auch nicht teurer als private Anbieter. Es schädigt allerdings den Ruf des KAV massiv, wenn der öffentliche Gesundheitssektor und die Verwaltung als generell zu teuer und qualitativ schlecht dargestellt werden. Denn das entspricht nicht den Tatsachen. Politisch gefährlich ist vor allem die Ansicht, dass das öffentliche Gesundheitssystem ineffizient und nicht finanzierbar sei und deshalb privatisiert werden müsse.

O.: Wie sehen die Strukturen der neuen Teilunternehmung aus?

P.: Es wird eine neue Führungsstruktur geben: die Direktion wird laut Wiener Wohn- und Pflegeheim­gesetz zum Geschäftsführer. Aber auf die  Kompetenz der derzeitigen kollegialen Führung kann nicht verzichtet werden. Das Gesetz sieht einen medizinischen Verantwortlichen vor, der dem ärztlichen Direktor entspricht. Die Direktion wird nicht vorschreiben können, wie die Therapie zu erfolgen hat, aber sie hat die Kosten- und Personalverantwortung.

O.: Wie will man dem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal entgegentreten?

P.: Dieser Mangel ist ein euro­päisches Problem. Ausnahme ist Finnland: Dort gibt es keinen Mangel, das Personal ist hochmotiviert - wir müssen uns anschauen, warum das so ist. In Österreich gibt es massive Probleme - auch auf Grund des schlechten Images. Daran müssen wir arbeiten. Seit den Vorfällen Am Wienerwald ist da nichts passiert. Wien bildet grundsätzlich genug hoch qualifizierte Pflegepersonen aus. Das Problem ist aber, dass viele nach Niederösterreich und ins Burgenland abwandern.

O.: Wenn du alleine bestimmen könntest: Wo siehst du die Wiener Pflegeheime und Geriatriezentren in zehn Jahren?

P.: Ich sehe sie in einer stark konkurrierenden Marktposition. Wir wollen uns diesem Markt stellen und brauchen uns, was die Qualität unserer Häuser betrifft, nicht zu verstecken! Wir müssen aber das Finanzloch stopfen ohne die Qualität zu reduzieren. Die politische Vorgabe heißt Konzentration auf den höheren und hohen Pflegebedarf. Gleichzeitig will ich aber auch den niedrigen und mittleren Pflegebedarf nicht vernachlässigen. Denn wenn nur schwere Pflegefälle zusammengelegt werden, ist das weder für das Personal noch für die PatientInnen gut. Außerdem müssen wir den Kostenfaktor optimieren. Auf Grund der Anforderungen des Wiener Wohn- und Pflegeheimgesetzes müssen wir die Betten redu­zieren: Die Durchgangszimmer und Wandbetten kommen weg, die Zimmer werden kleiner und Sani­tärräume werden ausgebaut. Im Zuge dessen müssen wir auch Dienst­posten abziehen, aber die werden wo anders wieder gebraucht. Synergieeffekte nutzen heißt also nicht automatisch Privatisierung.

Der KAV und die Teilunternehmung 4 wollen das Marktsegment der Pflege halten. Ohne Stadt geht es sicher nicht.

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