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Sozialdemokratische ÄrztInnen
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Aktuelle Ausgabe
Am 16. Juni überreichte Sabine Oberhauser Ermar Junker die Victor-Adler-Plakette.

Sabine Oberhauser: Ermar Junker - Von den Anfängen der Volksgesundheit zum modernen Gesundheitswesen

Sonderausgabe: Ehrung eines Lebenswerks

Als langjähriges Mitglied und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Ärztinnen und Ärzte ist Ermar Junker nicht nur ein hoch geschätzter Kollege, sondern auch ein "wandelndes Archiv". Regelmäßig schreibt er für diese Zeitschrift interessante Artikel unter dem Titel "Ein Blick zurück" und stellt dabei immer wieder aufs Neue unter Beweis: Obwohl Ermar Junker auf ein jahrzehntelanges Schaffen zurückblickt, kann nichts seine Erinnerung trüben. Diese Anekdoten haben uns oft zum Schmunzeln, Nachdenken oder Diskutieren angeregt.

Ein Blick zurück. Da mir diese Artikel immer besonders gut gefallen haben, wollte auch ich einen kleinen Blick zurückwerfen und vielleicht auch etwas aus Deiner Vergangenheit erzählen, lieber Ermar, das einige noch nicht wissen. Bei diesem Blick zurück ist mir eine bemerkenswerte Zahl aufgefallen: 22. Diese Zahl steht für die 5 Sozialministerinnen und Sozialminister, bis Bruno Kreisky im Jahr 1972 das Gesundheitsressort wieder eigenständig eingerichtet hat, und die 17 Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister sowie Staatssekretäre der Zweiten Republik, deren Wirken Du miterleben konntest. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum gab es „nur“ zwölf Bundeskanzler.

Keine leichte Aufgabe. Viele von ihnen hast Du persönlich gekannt und in ihrer Arbeit unterstützt oder beraten. Dadurch hast Du einen wesentlichen Beitrag von den Anfängen der Volksgesundheit hin zu einem modernen Gesundheitswesen in Österreich geleistet! Und das war gerade in der Nachkriegszeit für Dich als junger Mediziner keine leichte Aufgabe. Die Umstände, gerade nach dem Zweiten Weltkrieg, waren natürlich völlig anders, als wir sie uns heute auch nur ansatzweise vorstellen können. Begleitet von Zerstörung und Hunger, Massenarmut und Elend, verlangten Deine Ausbildung und Deine ersten Berufsjahre nicht nur großen persönlichen Einsatz von Dir, sondern auch Erfindergeist und einen langen Atem. Wie viel Kraft diese Umstände in den Anfangsjahren Dir abverlangt haben, kann man erahnen, wenn man sich den jüngsten Artikel des heute 91-jährigen britischen Journalisten, Buchautors, Kriegsveteranen Harry Leslie Smith in der Zeitung „The Guardian“ durchliest.

Dieser handelt von der Einführung des „National Health Service“ – also des Nationalen Gesundheitsdienstes in Großbritannien und Nordirland 1948. Smith schreibt in seinem Artikel, dass der Gesundheitsdienst für seine Schwester leider zu spät eingeführt wurde. Sie starb 1926 im Alter von nur zehn Jahren an einer Krankheit, mit der Du Dich Dein ganzes Berufsleben lang beschäftigt hast: Tuberkulose. Eine heimtückische Krankheit, die im britischen Volksmund auch gerne als „poet‘s disease“, also „Dichter-Krankheit“, bezeichnet wurde. Nur, so stellt Smith treffend fest, kenne er kaum einen berühmten Dichter, der so qualvoll gestorben ist, wie seine Schwester. Denn die Behandlung der Tuberkulose mit Medikamenten war für seine Eltern, die beide Minenarbeiter waren, schlichtweg unerschwinglich.

Die „galoppierende“ Volkskrankheit. Diese tragische Geschichte erinnert uns nur allzu sehr an die Beobachtungen, die einer der berühmtesten Ärzte Österreichs und Gründer der Österreichischen Sozialdemokratie, Victor Adler, bei den Ziegelarbeiterinnen und Arbeitern am Laaerberg machen musste. Er schlich sich, als Maurer verkleidet, in die Ringöfen der Fabrik ein und war mit unfassbarer Massenver-elendung konfrontiert. Von 100 Kindern starben 35 durch Armut, Hunger, Kälte und mangelnde ärztliche Versorgung bevor sie das erste Lebensjahr erreichten. Die Tuberkulose wurde zur „galoppierenden“ Volkskrankheit. Für Adler war dieser „Besuch“ ein Schlüsselerlebnis. Er führte dazu, dass er fortan nicht mehr nur auf medizinischer, sondern vor allem auch auf politischer Ebene gegen die sozialen Missstände ankämpfte.

Dem Kampf gegen die Volkskrankheit Tuberkulose verschrieb sich in der Ersten Republik auch ein weiterer berühmter Arzt und Sozialdemokrat: der spätere Staatssekretär Julius Tandler. Noch im Jahr 1923 war die Tuberkulose die Ursache für 13,4 Prozent aller Sterbefälle in Wien und damit die häufigste
Todesursache.

Engagement für die Schwächsten. Ich darf behaupten, dass Du lieber Ermar, als Du mit Anfang zwanzig der SPÖ beigetreten bist, vom Wirken dieser beiden Herren beeinflusst warst. Dein Engagement galt seither immer den sozial Benachteiligten und den Schwächsten in unserer Gesellschaft. Wo andere wegsehen, hast Du hingesehen und kämpfst bis heute gegen Missstände und Ungerechtigkeiten an.

Mit Deinem Einsatz für Gerechtigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen und Deinem entschiedenen Eintreten für die gleichberechtigte Teilhabe aller an der Gesellschaft stehst Du in der langen Tradition der Sozialdemokratie. Aus diesem Grund war es nur ein logischer Schritt, lieber Ermar, Dir mit einem vonganzem Herzen kommenden „Freundschaft“ die höchste Auszeichnung der Sozialdemokratie für besondere Verdienste um die österreichische Arbeiterbewegung, die Victor-Adler-Plakette, zu überreichen.

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