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Foto: Klaus Eppele - Fotolia.com

Im Visier: Ambulanzarbeit | Viele PatientInnen + wenig Zeit = Überfrequenz

Aus der Praxis

Eine einfache Rechnung - würde man meinen, aber… Der Ambulanzbetrieb ist auf diversen Abteilungen unterschiedlich gestaltet. Gemeinsam ist allen Spitälern, dass sie am Nachmittag eine Akutambulanz für Notfälle führen. Am Vormittag und über Mittag hinaus werden ebenfalls Akut- und Notfälle behandelt, aber auch PatientInnen mit Überweisungen vom Hausarzt und solche, die in Spezialambulanzen einen Termin haben.

Fehlgeleitet. Viele Menschen besuchen jedoch diverse Ambulanzen, weil sie im niedergelassenen Bereich nicht sofort einen Behandlungstermin bekommen oder weil ihnen in einem Spital umfangreichere medizinische Ressourcen zur Verfügung stehen. Das führt zu Überfrequenzen, die zum Beispiel in skandinavischen Ländern durch die Schlüsselfunktion der HausärztInnen vermieden werden: Dort müssen PatientInnen den/die Allgemeinmediziner/in als Erstansprechpartner aufsuchen und diese fungieren damit automatisch als Schnittstelle. Sie überweisen die PatientInnen in die dafür vorgesehenen Ambulanzen der Spitäler, wenn es notwendig erscheint und eine adäquate Behandlung im niedergelassenen Bereich nicht möglich ist.

Überfrequentiert. Durch den stetig steigenden Ambulanzbetrieb kommt es bei uns hingegen zu teilweise unerträglich langen Wartezeiten. Je nach Ambulanz warten PatientInnen oft stundenlang auf eine Erstbegutachtung. Die Notfall-, die Kinder-Notfall-,  sowie die chirurgischen und die Unfallambulanzen sind dabei die am stärksten betroffenen, weil meist frequentierten. Akut- bzw. Notfälle müssen vorrangig behandelt werden, was auch Sinn der Ambulanzeinrichtungen ist und die Wartezeiten erklärt.

Kategorisiert. In vielen Ländern dieser Welt, speziell im angloamerikanischen Raum, ist das sogenannte Manchester-Triage-System (MTS) vorherrschend. Es bezeichnet ein standardisiertes Verfahren zur Einschätzung in der Notaufnahme. Möglichst schnell, aber dennoch sicher und nachvollziehbar werden Behandlungsprioritäten festgelegt. Danach werden PatientInnen in eine von fünf Gruppen eingeordnet, mit einer Wartezeit von 0 Minuten (rot), bis dringend (gelb), mit einer maximalen Wartezeit von 30 Minuten, bis zu normal/nicht dringend (grün/blau), von einer längeren Wartezeit ausgehend. Dieses System bietet eine effiziente Zuordnung der eintreffenden PatientInnen und wurde in Österreich erstmals an der Uniklinik Graz etabliert. Dort hat das MTS derart überzeugt, dass man sich nun seitens des Grazer Klinikums aktiv für eine Ausbreitung des Systems in Österreich einsetzt.

Unterbesetzt. Alle PatientInnen, ob sie mit Rettung oder gehend in die Ambulanz kommen, müssen begutachtet werden. Leider ist durch das unterschiedliche Patientenaufkommen eine lange Wartezeit unumgänglich. In der Kernarbeitszeit sind die Ambulanzen zwar mit mehreren FachärztInnen besetzt, am Nachmittag, abends und nachts ist teilweise aber nur ein Arzt/eine Ärztin anwesend. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass jede/r Patient/in  adäquat behandelt werden will, was auch ein (auf)klärendes Gespräch mit dem/der behandelten Arzt/Ärztin voraussetzt, was wiederum viel Zeit in Anspruch nimmt, die leider nicht immer vorhanden ist.

Umstrukturieren. Um eine kürzere Wartezeit zu garantieren, benötigt man mehr Personal. Um eine Entlastung der Spitalsambulanzen zu erreichen, müsste der niedergelassene Bereich ausgebaut werden. Ein unkomplizierter Harnweginfekt oder Halsschmerzen können auch im niedergelassenen Bereich bestens kuriert werden! Berechnungen zufolge  kostet die Behandlung in der Spitalsambulanz das Dreifache einer Behandlung im niedergelassenen Bereich.
HausärztInnen müssten also – wie schon lange gefordert - längere Öffnungszeiten anbieten können und am Wochenende zur Verfügung stehen. Ebenso, wie auch niedergelassene FachärztInnen flexiblere Öffnungszeiten haben müssten. Doch woher das Geld nehmen?
Der Vorschlag der NÖ ÄK, einen Teil des Spitalsbudgets für den Ausbau des niedergelassenen Bereiches zu verwenden wird seit Jahren gefordert. Laut Hauptverband der Sozialversicherungen soll der niedergelassenen Ärzteschaft im Rahmen der geplanten Gesundheitsreform höhere Bedeutung zukommen. Deshalb werde dieser Bereich „in den kommenden Jahren wohl bedarfsorientiert ausgebaut und nicht eingeschränkt werden“.
Wir SpitalsärztInnen leisten unser Menschenmögliches, es wird auch im Ambulanzbetrieb bestmögliche Behandlung geboten. Die Ansprüche der PatientInnen aber steigen, nicht nur was das Behandlunsgprofil betrifft, auch lange Wartezeiten werden abgelehnt. Hätten die PatientInnen die Gewissheit, im niedergelassenen Bereich genauso rasch und umfassend behandelt zu werden, würde uns das sicher entlasten. Man wird sehen, was die Reform bringt und wie es in den nächsten Jahren mit dem österreichischen Gesundheitswesen weitergeht.

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