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Aktuelle Ausgabe
Foto: Alexander Raths - Fotolia.com

Im Visier: Niedergelassene Allgemeinmedizin | HausärztInnen: Medizinische Generalisten und Sozialarbeiter

Aus der Praxis

Das Hausärztemodell wird seit gut einem Jahrzehnt thematisiert und steht auch in diversen Regierungsprogrammen. Geschehen ist bislang wenig. Im Gegenteil: Die Zahl der AllgemeinmedizinerInnen in Wien ist tendenziell rückläufig. Woran scheitert eine Etablierung als Drehscheibe im Gesundheitssystem? Was brauchen wir wirklich?

Wichtige Gatekeeper-Funktion. Als VertrauensärztInnen müssten wir unsere Kompetenzen im extramuralen Bereich ausweiten. Derzeit können PatientInnen  drei Mal pro Quartal mit der e-Card zu einem Facharzt ihrer Wahl gehen, ohne vorher einen Hausarzt konsultiert zu haben. So sieht es die Kassenverordnung vor. Obwohl wir von der Basisausbildung prädestiniert sind für eine Filterfunktion und so manche PatientInnen vor einer weiteren Odyssee durch das Gesundheitswesen bewahren könnten, ist hier die meines Erachtens dringend notwendige Gatekeeper-Funktion des Hausarztes zahnlos. Hier wäre sicherlich Einsparungspotenzial vorhanden. Für eine lückenlose Gatekeeper-Funktion ist auch die Anpassung des Leistungskatalogs an die heutigen Normen, wie kleine Lungenfunktion,  24h EKG etc., dringend notwendig. Der Anschluss an die hochtechnisierte Medizin im Spitalsbereich darf nicht verloren werden, wenn eine breite und qualitativ hochwertige Betreuung der PatientInnen im extramuralen Bereich des öffentlichen Gesundheitssystems weiterhin gewährleistet werden soll.

Starke Arzt-Patienten-Bindung. AllgemeinmedizinerInnen sind in der Regel für ihre PatientInnen immer erreichbar. Deshalb besteht aus meiner Erfahrung auch ein jahrelang gewachsenes Vertrauen der PatientInnen in ihren Hausarzt/ihre Hausärztin. Viele schätzen die individuelle Betreuung, die in größeren Ordinationen aus organisatorischen Gründen nicht möglich ist –  ein Schwachpunkt der allgemeinmedizinischen Gruppenpraxis. Dazu kommt unsere starke soziale Kompetenz im Ordinationsumfeld. Viele PatientInnen wollen nicht nur in medizinischen Fragen sondern auch bei privaten oder beruflichen Problemen von uns beraten werden. Ich denke, hier leisten AllgemeinmedizinerInnen sehr wichtige Sozialarbeit in Form des therapeutischen Gesprächs, die letztlich wesentlich zur Krankheitsprävention, aber auch zum Heilungserfolg beiträgt.
Der Zeitaufwand pro Patient/in ist infolge zunehmender Bürokratie aber deutlich gestiegen, was sinnvoller Weise höher pauschal abgegolten werden sollte.

Lehrpraxis

Politische Entscheidungen sind gefragt.

Die internationale Bewegung zur akademischen Etablierung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen Europas war erfolgreich: Es gibt Lehrstühle, Lehraufträge und Schulungen einschließlich Pflichtfamulaturen in der niedergelassenen Allgemeinpraxis.
Problem Freiwilligkeit.
Nach dem Studium sind noch zu wenige Neuerungen durchgängig erreicht: Noch immer ist die Lehrpraxis in Allgemeinmedizin nur freiwillig zu absolvieren. Sie lässt sich gegen europäisches Recht noch immer in Spitalsambulanzen abwickeln aber natürlich nicht wirklich erleben. Auch eine ausgezeichnete  Hochschullehre des Faches kann nur statische Strukturdaten vermitteln, nicht die gelebte, individuelle Entscheidungssituation. Diese ist von der facheigenen epidemiologischen Verteilung so sehr abhängig, dass sie unnachahmlich bleibt. Pragmatisches Denken in diesem Beruf hat mit Kommunikation, Verhandeln, Abwägen möglicher Alternativen, Einbeziehung von PatientInnnen in die Entscheidung, Systemkenntnis für den Ort der Arbeit und Änderungen nach aktuellen Gegebenheiten, wie Pandemien, Lieferproblemen der Apotheken usw., zu tun. Junge KollegInnen wollen nicht Systemerhalter der Spitäler sein, sie fordern eine fachspezifische, an die PatientInnen angepasste Lehre, die sie erst in der Lehrpraxis erhalten.
Problem Finanzierung.
Das alte Turnusärztegesetz ermöglicht keine Ausbildung ohne Bezahlung und ist damit ein entscheidendes Hindernis der Lehrpraxis: TurnusärztInnen sind kein Garant für vermehrtes Einkommen der Praxis und mit dem Einsatz von JungärztInnen für peinliche Hilfsarbeiten werden dem Lehrpraxisgedanken schlechte Dienste erwiesen. Umsatzsteigerungen kann es in einer pädagogisch geführten Lehrpraxis kaum geben. Es ist daher weiterhin Bedingung guter Lehrpraktiker Förderungsgelder für die Gehälter der JungärztInnen zu erhalten, weil eine klassische Einzelpraxis eben nur Arbeit und Geld für genau einen Arzt/eine Ärztin abwirft.
 
Autor Lehrpraxis: MR Dr. Hans Tönies, niedergelassener Allgemeinmediziner, Lehrpraxisleiter und Universitätslektor.

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