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Gatekeeper oder schlecht bezahlte Lückenbüßer?

Im Gespräch: Dr.in Elke Szöniy-Wirtinger | AllgemeinmedizinerInnen: Gatekeeper oder schlecht bezahlte Lückenbüßer?

Ärztekammer

Seit Jahren wird darüber diskutiert, dass die Allgemeinmedizin aufgewertet werden muss, dass der Arzt/die Ärztin des Vertrauens künftig als Gatekeeper eine Schlüsselrolle im Gesundheitswesen übernehmen soll. Um das auch effizient umzusetzen, sollen vermehrt Gruppenpraxen gegründet werden, damit Flexibilität und Qualität des Angebots gesichert sind. Allein es scheitert an essentiellen Voraussetzungen, um diese durchaus sinnvollen Ziele auch tatsächlich umsetzen zu können. Unsere Vertreterin der AllgemeinmedizinerInnen in der Wiener Ärztekammer Elke Szöniy -Wirtinger erklärt im Interview, was wirklich notwendig ist.

Analyse (A.): Ist es den AllgemeinmedizinerInnen derzeit möglich, Gatekeeper im Gesundheitswesen zu sein?
Dr.in Elke Szöniy-Wirtinger (S.): Wir sind derzeit alles andere als Gatekeeper. Dazu fehlen wesentliche strukturelle Voraussetzungen. PatientInnen können derzeit uneingeschränkt jeden Facharzt konsultieren und die Dienste jeder Spitalsambulanz in Anspruch nehmen ohne vorher mit dem Hausarzt Kontakt gehabt zu haben. Wichtiger Punkt ist die Bündelung aller Befunde der PatientInnen bei uns als Arzt oder ÄrztIn ihres Vertrauens, was im Zuge der Vernetzung des Gesundheitswesens eine Priorität sein müsste. Wie auch ein beschleunigtes und effizientes Entlassungsmanagement seitens der Spitäler. Die Befunde müssen sofort an die AllgemeinmedizinerInnen weitergeleitet und von diesen abrufbar sein. Dann können wir tatsächlich die Entscheidung treffen, ob und wohin PatientInnen weitergeleitet werden müssen.

A.:
Wäre das seitens der HausärztInnen derzeit überhaupt bewältigbar?
S.: Natürlich müssen wir für größere Kapazitäten gerüstet sein und flexibleren Öffnungszeiten anbieten können. Gruppenpraxen sind hier sicher von Vorteil. Allerdings gibt es derzeit noch relativ wenige in Wien. Grund dafür ist unter anderem, dass kleine, ineffiziente Praxen nach ihrer Schließung zwar in einen Pool für die Gründung von Gruppenpraxen kommen, aber nicht zweckgebunden. So haben wir die Situation, dass es immer weniger allgemeinmedizinische Praxen gibt, weil unsere frei werdenden Kapazitäten auch in fachärztliche Gruppenpraxen fließen können. Das muss geändert werden, sonst haben wir in Wien bald generell zu wenige allgemeinmedizinische Praxen. In Urlaubs-Spitzenzeiten kommt es jetzt schon zu argen Engpässen. Wobei man hier vor allem organisatorisch gegensteuern müsste, in dem man auf Bezirksebene ein via Internet für alle KollegInnen zugängliches Portal mit Urlaubsplänen und Krankenständen schafft. 

A.:
Ist die Lehrpraxis junger MedizinerInnen unter diesen Umständen gesichert?
S.: Wir haben im Moment leider nur sehr wenige Lehrpraxen. Viele KollegInnen können sich die Honorare der LehrpraktikantInnen nicht mehr leisten. Wir schlagen daher eine Drittellösung der Finanzierung zwischen Bund, Land und dem Arzt/der Ärztin vor. Schließlich bedeuten auszubildende junge ÄrztInnen auch eine Zusatzaufgabe und oft mehr Belastung als Hilfe in der Praxis.

A.:
Warum ist die Einkommenssituation so schlecht?
S.: Seit Jahren steigen unsere Ausgaben aufgrund der allgemeinen Teuerung während das Einkommen stagniert. Wir fordern deshalb die Anhebung des Krankenschein-Basiswertes seitens der Sozialversicherung auf Facharztniveau, deren Scheine um rund ein Drittel höher bewertet sind. Außerdem muss der Honorarkatalog endlich angepasst werden, damit längst gängige ärztliche Angebote, wie der kleine Lungenfunktionstest, die Gefäßdopplermessungen und die 24-Stunden-Blutdruckmessung, seitens der Versicherung auch entsprechend abgegolten werden.  Die gedeckelte Finanzierung wird jetzt angehoben und da muss in jedem Fall auch das immer wichtiger werdende therapeutische Gespräch Berücksichtigung finden. Für unsere jungen Kolleginnen und Kollegen wäre es wirtschaftlich auch durchaus sinnvoll, die steuerliche Absetzbarkeit von  Haushaltshilfen und Kinderbetreuung zu garantieren.

A.:
Stichwort Wahlarzt. Gibt es Verbesserungsvorschläge?
S.: Es wäre wichtig, dass alle Wahlarztleistungen auch von der Sozialversicherung abgedeckt werden, um deren PatientInnen nicht zu benachteiligen. Und es muss die Rückverrechnung mit der jeweiligen Krankenkasse auch möglichst rasch, also in einem erträglichen Zeitrahmen erfolgen.

A.:
Wie sieht die Zukunft der Allgemeinmedizin aus?
S.: Das kommt ganz darauf an, wie gewünscht sie ist und welche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Mit einer effizienten Vernetzung, die nicht den finanziellen Rahmen sprengt, sondern gegebene Infrastrukturen sinnvoll nützt und erweitert, einhergehend mit einer zumutbaren finanziellen Aufwertung und Leistungsabdeckung wird die Allgemeinmedizin in Zukunft durchaus eine Schlüsselposition im Gesundheitswesen einnehmen. Was liegt denn näher, als dass der Arzt oder die Ärztin des Vertrauens zum wichtigsten Ansprechpartner und Koordinator für hilfesuchende Menschen im immer komplexer werdenden Gesundheitssystem bleibt oder eben wird?

A.:
Wir danken für das Gespräch!

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Hausarzt: Schöne, erfüllende Aufgabe, die Aufwertung braucht
Hofrat MR. Dr. Michael Leutner, Allgemeinmediziner 

Die Bedeutung der Allgemeinmedizin wächst angesichts der Einsparungen im Spitalsbereich und der immer längeren Wartezeiten im Facharztbereich  kontinuierlich. Es ist ja nicht so neu, dass wir KoordinatorInnen und ManagerInnen im Gesundheitswesen sind. Für uns als VertrauensärztInnen steht die persönliche Betreuung und lebenslange Begleitung der Patientinnen und Patienten im Vordergrund. Facharztbesuche sind punktuell und selten, wir müssen den Überblick behalten, um Struktur in den Befundungs- und Medikationsdschungel zu bringen.

Künftig wird es auch notwendig sein, das fachliche Angebot zu erweitern, um PatientInnen zu lange Wartezeiten auf wichtige Untersuchungen, wie zum Beispiel 24 h Blutdruckmessung, kleine Lungenfunktion aber auch möglicherweise Herzultraschall, zu ersparen. All das braucht eine fundierte Ausbildung und entsprechend Zeit für die/den Einzelnen. Die Ausbildung muss politisch garantiert sein und der Zeitaufwand sollte endlich entsprechend abgegolten werden. Das kann nur durch eine entsprechende Anhebung des Krankenscheinwertes, also eine angemessene Basisfinanzierung erfolgen. Gespräche, Befundkontrollen und strukturelle Aufgaben sind schwer als Einzelleistungen zu verbuchen. Das gegenseitige Abgraben von Einzelleistungen in der Ärzteschaft ist wirklich nicht unsere Intention, kann aber in Zukunft möglicherweise nicht ganz vermieden werden.

Eine gute Vernetzung im Gesundheitswesen ist für ein effizientes Arbeiten der Hausärzte unbedingt nötig. Als sozialdemokratischer Allgemeinmediziner mit dreißigjähriger Erfahrung finde ich es schade, dass es derzeit eine großteils politische Diskussion zur Elektronischen Gesundheitsakte gibt, die der Sache weder dienlich noch würdig ist. Ärzteschaft und Politik sollten sich zusammensetzen und unter dem Gesichtspunkt "Vernetzung muss es geben" eine für beide Seiten tragbare Lösung erarbeiten.

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